Wie ein Sprung jemandem auf die Sprünge hilft

Wie ein Sprung jemandem auf die Sprünge hilft
Evolutionspädagogin®, Lerncoach und Lerntrainerin Victoria Stübner © Independent Light
„Das einzig wahre Lernen“ gibt es in ihren Augen nicht: Lerncoach Victoria Stübner hat schon mal einen Klienten aufs Trampolin gestellt – und verrät hier im Interview noch weitere Tricks, darunter den mit dem Spickzettel. Bei all dem darf der Spaß nicht fehlen!
Carolin Kruff
Carolin Kruff
Textconsultant

Viele denken beim Lernen ans sture Büffeln am Schreibtisch … richtig oder falsch?

Für manch einen ist das vielleicht die richtige Lösung. Fakt ist allerdings: Lernen ist eine ganz individuelle Angelegenheit. Es gibt nicht das einzig wahre Lernen. Und Lernen muss eben nicht immer am Schreibtisch stattfinden. Aber bereits in der Schule gibt es viele Vorgaben, die wenig Spielraum zulassen. Dabei sollten schon dort verschiedene Lerntechniken vermittelt werden! Denn in der Ausbildung müssen Azubis das Lernen auf einmal selbst managen. Und das Wollen ist selten das Problem, eher das „Ins Tun kommen“.

Was schlagen Sie vor?

Besser ist es, Lernen und Wiederholen an verschiedenen Orten durchzuführen, und zwar dort, wo man sich wohlfühlt. Auch multimediales Lernen über Bücher, Videos, Podcasts, Experimente oder Herumlaufen bringt Abwechslung in den Lernalltag. Im Idealfall lernt man mit allen Sinnen und verschiedenen Techniken – dann bleibt langfristig mehr hängen. Und man muss auch nicht ständig alleine lernen. Mancher Lernstoff lässt sich paarweise oder in Gruppen sogar besser erarbeiten. Darüber hinaus ist es für Ausbilder wichtig, ihren Azubis Lernprinzipien und Selbstmanagement zu vermitteln. Auch ein Erfolgsgarant: Die Neugier immer wieder pushen!

Kommt der Erfolg dann von allein?

Nein, es ist trotzdem Arbeit, wenn auch leichtere. Ganz wichtig: Lernen braucht Zeit – da hilft auch kein Lernmanagement-Tool. Ausbilder sollten zunächst herausfinden, was ihre Azubis überhaupt brauchen! Erst dann kann man entsprechende Lernmethoden ausprobieren und diese mit einer sinnvollen Didaktik versehen. Das Ziel sollte lauten: Weg vom Bulimie-Lernen – reinstopfen, ausspucken, weg. Ich lerne ja, um die Dinge nachher sinnvoll anwenden zu können und nicht für den kurzen Augenblick.

Und dabei sollte man die verschiedenen Lerntypen im Blick haben …

Ich spreche lieber von Präferenzen anstatt von Lerntypen. Im Idealfall nutze ich alle Sinne beim Lernen. Denn wir haben immer alles in uns und sind Mischtypen. Unsere Sinnes- und Wahrnehmungskanäle sind jedoch unterschiedlich ausgeprägt. Da gibt es die spannendsten Konstellationen. Ein Klient von mir hatte zum Beispiel große Probleme beim Vokabeln lernen. Bis ich ihn aufs Trampolin geschickt habe. Dort hat es endlich funktioniert. Er konnte halt gut in Bewegung lernen. Oft bleiben auch merkwürdige Erklärungen besser im Kopf oder ein Lernerlebnis, das mit möglichst vielen positiven Emotionen verknüpft ist. Über Geschichten kann man viel erreichen und ganz nebenbei jede Menge Spaß haben! Und merkwürdig ist halt auch des Merkens würdig.

Und wie können Azubis auch in stressigen Situationen effizient lernen?

Der Lernstoff sollte zunächst in Prioritäten eingeteilt werden: MUSS-, SOLL-, KANN-Wissen. Weiterhin sollten unbedingt die Lernprinzipen – Pareto, Parkinson, Pomodoro, Zeigarnik – zum Einsatz kommen. Vor allem aber sollte man sein Hirn gut behandeln und pflegen. Das heißt konkret: Pausen machen, frische Luft, Bewegung, Entspannung, gute Laune, ausreichend Schlaf, genug Wasser trinken, gesund ernähren. Wer wissen möchte, ob er den Lernstoff richtig verstanden hat, erklärt diesen einem „Unwissenden“. Danach empfehle ich wärmstens, einen Spickzettel anzufertigen.

Einen Spickzettel?

Ja! Denn Spickzettel sind die Happy-Hour-Lernmethode überhaupt. Das ist Denken auf Papier in hoher Verdichtung. Erstens nutze ich mehrere Techniken, um einen Spickzettel zu erstellen. Zweitens kommt auf den Spickzettel wirklich nur das Wesentliche. Das Wissen muss ich gut im Kopf haben, damit sich aus den einzelnen Schlagwörtern bei der Beantwortung einer Frage das Wissen entfalten kann – wie ein Fächer. Aber natürlich gilt: Anfertigen – ja; in der Prüfung nutzen – nein.

Wie sollte generell die „Lern-Botschaft“ der Ausbilder an ihre Azubis lauten?

Wir lernen immer, jede Sekunde unseres Lebens, ob wir wollen oder nicht. Lernen heißt allerdings nicht Büffeln, Bulimie-Lernen, Auswendiglernen. Der Idealfall des Lernens ist tatsächlich verstehen, erklären und anwenden können. Daher beginnt auch Prüfungsvorbereitung nicht erst sechs Wochen vor der Prüfung, sondern bereits am ersten Ausbildungstag!

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