„Der Schlüssel zur Azubi-Bindung: Nähe schaffen“

Der Schlüssel zur Azubi-Bindung: Nähe schaffen
Die Ausbildungsbeauftragte Katrin Neuhäuser will ihre Azubis eng in der Entwicklung begleiten © Sparkassenakademie Baden-Württemberg/Martin Stollberg
Gute Auszubildende sind nicht immer leicht zu finden – umso wichtiger ist es, dass Ausbildungsunternehmen ihre Nachwuchskräfte auch halten können. Wie das gelingen kann, zeigen zwei Beispiele.
Mascha Dinter
Mascha Dinter
Freie Journalistin

„Unser Ausbildungskonzept beinhaltet, dass wir unsere Auszubildenden genauso behandeln wie alle anderen Mitarbeiter“, sagt Natalja Funk, Ausbildungsbeauftragte bei dem IT-Unternehmen Inovex. Ob Vertrauensarbeitszeit, 30 Tage Urlaub, zweitägiger Einführungsworkshop oder Mentorenprogramm – das Unternehmen macht hier keinen Unterschied zwischen seinen Angestellten und Azubis. Auch Homeoffice ist bei Bedarf möglich. „Wir erlegen unseren Azubis keine starren Anwesenheitspflichten auf, sondern betrachten jeden Fall individuell.“

„Ich vermittle unseren Auszubildenden bereits während der Ausbildung, welche Möglichkeiten sie im Anschluss haben.“

Katrin Neuhäuser, Ausbildungsbeauftragte der Sparkassenakademie Baden-Württemberg

Auch Robin Kremer hat aufgrund der Coronapandemie und der Tatsache, dass seine Ausbildungsabteilung hauptsächlich remote arbeitet, einen Teil seiner Ausbildung im Homeoffice verbracht: „Für mich war das ein Zeichen, wie viel Vertrauen den Azubis hier entgegengebracht wird“, berichtet der 28-Jährige, der vor Kurzem seine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung abgeschlossen hat und nun in der internen Entwicklung des IT-Systemhauses in Karlsruhe arbeitet, das insgesamt sieben Standorte in Deutschland betreibt. Gut gefiel ihm auch, direkt zu Beginn ein eigenes Projekt zu übernehmen, in dem er ein digitales Berichtsheft für die Ausbildung entwickelte. Vom ersten Tag seiner Ausbildung an habe er sich als vollwertiges Teammitglied gefühlt. Wie ist dem Unternehmen das gelungen?

Probleme kommen früh auf den Tisch

„Unsere Azubis werden während der gesamten Ausbildung sehr eng begleitet“, sagt Natalja Funk. Konkret bedeutet das: Im Rhythmus von zwei Wochen finden Feedbackgespräche zwischen den Azubis und ihren Vorgesetzten sowie ein einstündiges Gespräch mit einem der Ausbildungsbeauftragten statt, außerdem gibt es jede beziehungsweise jede zweite Woche ein Gespräch mit dem fachlichen Betreuer. „In den Gesprächen ist immer Platz für Persönliches. Unsere Azubis wissen, dass sie mit uns über alles reden können, was sie bewegt“, sagt Natalja Funk. So werde schnell eine Vertrauensbasis geschaffen, eventuelle Probleme kämen in der Regel früh auf den Tisch. „Ich persönlich schätze es sehr, die Azubis bei ihrer Entwicklung so eng begleiten zu können. Für mich ist das der Schlüssel zur Azubi-Bindung: Nähe schaffen. Gewähren wir unseren Azubis viele Freiheiten und schenken ihnen unser Vertrauen, bekommen wir das in der Regel auch zurück.“ Wünsche der Azubis wie beispielsweise das Kennenlernen einer weiteren Abteilung, seien meist kurzfristig umsetzbar. Ein weiterer Pluspunkt: Zu Beginn der Ausbildung dürfen sich die Azubis ein Notebook und ein Smartphone aussuchen, die Kosten – auch für die dazugehörigen Verträge – übernimmt das Unternehmen. Die Geräte dürfen sie auch für private Zwecke nutzen.

Um seinen Mitarbeitern auch außerhalb der Arbeitszeit viele Möglichkeiten zum Austausch zu bieten, organisiert das Unternehmen mehrere Firmenfeste pro Jahr sowie regelmäßige Grillabende, Kickerturniere und Spieleabende. „Unsere Azubis werden dabei immer mitbedacht“, sagt Natalja Funk.

Grundsätzlich bildet Inovex für den eigenen Bedarf aus. „Sollte es von einer Seite aus einmal nicht passen, unterstützen wir trotzdem bei der Bewerbung bei anderen Unternehmen. Und niemand hört von uns: Auf Nimmerwiedersehen! Die Tür bleibt immer offen.“

Kickerturnier bei Inovex
Das IT-Unternehmen Inovex bietet seinen Mitarbeitern auch außerhalb der Arbeitszeit viele Möglichkeiten zum Austausch und organisiert Firmenfeste, Grillabende, Kickerturniere und Spieleabende. „Azubis werden dabei immer mitbedacht”, sagt Ausbildungsbeauftragte Natalja Funk (Mitte) © Jörg Donecker

„Dinge erlebbar machen“

Auch für die 50 Sparkassen in Baden-Württemberg ist die Azubi-Bindung ein elementares Thema. „Um unsere Azubis zu halten – auch nach der Ausbildung – ist es wichtig, dass wir uns mit der Generation junger Menschen auseinanderzusetzen, die wir da vor uns haben“, sagt Katrin Neuhäuser von der Sparkassenakademie Baden-Württemberg. „Work-Life-Balance ist eins der wichtigsten Themen für die aktuellen Auszubildenden. Jeder Ausbildungsleiter muss sich deshalb mit der Frage beschäftigen, wie diese für seine Mitarbeiter aussehen kann.“ Die Akademie ist eine Einrichtung des Sparkassenverbandes Baden-Württemberg und unterstützt die Sparkassen bei der Berufsausbildung und der Weiterbildung ihrer Auszubildenden durch verschiedene Angebote. Sie bietet unter anderem ein Zertifizierungsprogramm für die Ausbilder in den Filialen an, geplant ist außerdem eine Weiterbildung zum Ausbildungscoach, die ab Jahresende starten soll. Einmal im Jahr kommen die Ausbildungsverantwortlichen auf einer Tagung zusammen, bei der aktuelle Ausbildungsthemen wie etwa die Rekrutierung im Fokus stehen. Künftig sollen zusätzlich regelmäßige Netzwerktreffen für Ausbilder stattfinden.

Identifikation schaffen

Katrin Neuhäuser, die für die Personalentwicklung der Nachwuchskräfte zuständig ist, hat selbst ihre Ausbildung in einer Sparkasse absolviert und kennt die Azubi-Sicht auf das Unternehmen. „Ganz wichtig ist es, eine Identifikation mit dem Unternehmen zu schaffen. Das gelingt am besten, indem wir nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern Dinge erlebbar machen.“ Das soll nicht nur innerhalb der Sparkassen erfolgen, sondern auch an der Akademie, die neben Seminaren zur Prüfungsvorbereitung auch zahlreiche Weiterbildungen vom Vertriebstraining bis zum Kniggekurs für Azubis anbietet. Um die Ausbildung attraktiver zu machen und insbesondere Abiturienten und Studienabbrecher anzusprechen, wird an der Akademie außerdem das Programm „AusbildungsPlus“ angeboten. Hierbei schließen die Teilnehmer die Ausbildung zum Bankkaufmann bzw. zur Bankkauffrau innerhalb von zwei Jahren ab. Sie lernen in einem Ausbildungsbetrieb vor Ort, müssen – sofern sie volljährig sind – jedoch keine Berufsschule besuchen. Ihr theoretisches Wissen erwerben sie stattdessen an der Akademie, die laut Katrin Neuhäuser viel Wert auf einen anschaulichen und praxisnahen Unterricht legt. „Da sie hier ausschließlich mit Azubis aus anderen Sparkassen zusammenkommen, entsteht schnell ein Zugehörigkeitsgefühl. Als Nebeneffekt knüpfen sie hier bereits Kontakte, die sie während ihrer späteren Berufslaufbahn nutzen können. Und das Ambiente in dem modernen Gebäude mitten in Stuttgart ist ein zusätzlicher Wohlfühlfaktor.“

Während der Ausbildung Perspektiven vermitteln

Katrin Neuhäuser hat auch den Übergang zwischen Azubi und Nachwuchskraft im Blick. „Wir bieten eine sehr gute Ausbildung, aber gerade die ersten zwei Jahre nach dem Abschluss sind wichtig, um die Nachwuchskräfte ans Unternehmen zu binden.“ Eine entscheidende Rolle spiele dabei die Perspektive. „Ich vermittle unseren Auszubildenden bereits während der Ausbildung, welche Möglichkeiten sie im Anschluss haben. Viele gehen in den Vertrieb, der allein ist schon vielfältig. Aber man kann eben auch im Controlling, Marketing oder beispielsweise in der Personalentwicklung arbeiten. Außerdem bieten wir an der Akademie Aufstiegsfortbildungen zum Bankfachwirt und zum Betriebswirt an, an der Hochschule für Finanzwirtschaft & Management der Sparkassen-Finanzgruppe werden weitere Bachelor- und Masterstudiengänge angeboten.“ Es sei wichtig, dass die Azubis schon im Laufe der Ausbildung lernten, ihre eigenen Stärken zu analysieren und anhand dessen für sich herausfänden, in welche Richtung es für sie gehen soll. „Der Fachkräftemangel, von dem wir seit zehn Jahren reden, wird nun auch für uns spürbar. Um unsere Stellen weiterhin mit passenden Mitarbeitern besetzen zu können, müssen wir die Ausbildung so attraktiv wie möglich gestalten und immer weiterentwickeln.“

Azubis binden – Tipps der Redaktion

Ob kleiner Betrieb, mittelständisches Unternehmen oder Konzern: Es gibt viele Maßnahmen und Methoden, die die Azubi-Zufriedenheit verbessern und zur Azubi-Bindung beitragen können. Eine Auswahl:

  • Einführungstage/-seminare
  • gute technische Ausstattung (auch privat nutzbar)
  • enge Betreuung (z. B. durch regelmäßige Feedbackgespräche)
  • Mentoren-/Patenprogramm
  • Flexibilität hinsichtlich Arbeitsort und Arbeitszeiten
  • Verantwortung (z. B. eigene Azubi-Projekte, Juniorfirmen)
  • moderne Gesundheitsförderung
  • soziales Engagement des Arbeitgebers
  • Azubi-Events
  • individuelle Entwicklungspläne
  • Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten

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