„Da ist vielleicht jemand am Limit“

Sven Hannawald springt auf der Vierschanzentournee
Wer hoch fliegt, kann tief stürzen. Skisprunglegende Sven Hannawald, hier während der Vierschanzentournee vor 20 Jahren an der Zugspitze, macht sich heute stark für mehr Stressprävention und betrieblichen Gesundheitsschutz © Christof Stache
In einem Ausbildungsbetrieb kann es schon mal hektisch zugehen. Doch was, wenn zu viel Stress Lehrlinge krank macht? POSITION fragte Ex–Skispringer Sven Hannawald.
Agnes Mayer
Agnes Mayer
Freie Journalistin

Herr Hannawald, während ihrer Zeit am Ski-Internat in Furtwangen entschieden Sie sich dafür, eine Ausbildung zum Kommunikationselektroniker zu machen. Parallel trainierten Sie weiter, nahmen an Wettkämpfen teil. War das nicht unwahrscheinlich stressig?

Das Ski-Internat bot damals eine duale Ausbildung an. Für die Wettkampfsaison oder andere wichtige Sportveranstaltungen wurde man immer sofort freigestellt. Dafür hat die Berufsausbildung dort vier Jahre gedauert und nicht wie normalerweise zweieinhalb. Mein Wunschberuf war das damals aber nicht, ich war eher interessiert an Autos und hätte lieber an denen geschraubt. Aber so waren wenigstens meine Eltern beruhigt, dass ich etwas Handfestes gelernt habe, falls es mit dem Sport nichts wird.

Damals erfolgreich in der Luft, heute u.a. ein gefragter Interviewpartner: Skisprunglegende Sven Hannawald © Spotlight on DAHoam

Nach der Internatszeit folgte für Sie ein jahrelanger Höhenflug: Olympia-Medaillen, Schanzen-Rekorde, Siegertreppchen. 2005 beendeten Sie Ihre Karriere. Erst später sprachen Sie über den eigentlichen Grund – Burnout. Hat sich die Erkrankung erst gegen Ende der Karriere entwickelt, oder gab es rückblickend vielleicht schon in jungen Jahren Anzeichen dafür?

In meiner Jugendzeit habe ich nichts als stressig empfunden, das kam erst mit dem Alter. Es ist wie eine Schublade, in die du jahrelang alles reinlegst. Irgendwann ist sie so voll, dass du sie nicht mehr aufbekommst. Meiner körperlichen Grenzen war ich mir immer bewusst. Viel schwieriger war es zu erkennen, wann es für den Kopf zu viel ist. Beim Kraftsport ist klar, dass man danach eine Pause braucht. Dass ich meinem Kopf auch einmal Pausen geben muss, das habe ich erst danach gelernt.

Gab es damals Außenstehende wie Trainer, die diese Veränderungen schon wahrgenommen haben, bevor Sie diese überhaupt wahrnehmen wollten?

Wir haben es alle wahrgenommen. Ich war der erste, aber wollte es nicht einsehen beziehungsweise dachte, das geht schon vorbei. Aber auch meine Eltern und Trainer haben gemerkt, dass ich mich verändere. Eigentlich bin ich immer derjenige, der gerne mal einen blöden Spruch macht. Plötzlich bin ich still geworden und habe mich immer mehr zurückgezogen.

Ausbilder arbeiten ähnlich wie Trainer mit jungen Menschen zusammen. Sie fördern Fähigkeiten und fordern Leistungen. Wie können sie erkennen, wenn der Druck einem Lehrling zunehmend zu schaffen macht?

Wichtig ist, die Menschen nicht abzuspulen und nur eine Namensliste abzuhaken. Als Ausbilder sollte man den Rundum-Blick bewahren und genau beobachten, wie sich die Azubis geben. Verändern sich die Charaktere mit der Zeit? Manche waren vielleicht von Anfang an eher ruhiger, manche werden es erst mit der Zeit. Auch eine Nullbock-Haltung kann ein Anzeichen sein. Das hat nicht immer mit Faulheit zu tun, sondern da ist vielleicht jemand am Limit.

Psychische Erkrankungen sind immer noch ein Tabu-Thema. Das haben Sie selbst erlebt. Wie spricht man es als Ausbilder am besten an?

Die Grundvoraussetzung ist, dass Betroffene das Gefühl haben: Da ist jemand, der kümmert sich um mich und nimmt meine Probleme ernst. Dabei geht es immer um Vertrauen. Ist ein solches Verhältnis nicht gegeben, können Lehrlinge eine solche Nachfrage auch als Angriff verstehen. Wenn man als Ausbilder aber das gute Gefühl vermittelt, dass ein Azubi immer zu einem kommen kann, ist das eine Basis. Die muss man aber erst einmal legen. Es ist wie beim Trainieren: Ich muss erst etwas dafür geben, dann bekomme ich auch mehr zurück!

Interview: Agnes Mayer

„Als Ausbilder sollte man den Rundum-Blick bewahren und genau beobachten, wie sich die Azubis geben. Verändern sich die Charaktere mit der Zeit?“

Sven Hannawald

Stress lass nach – Tipps für mehr Ausgeglichenheit in der Ausbildung

  1. Mehr „Me-Time“: Geben Sie Ihren Azubis nach der Arbeit ausreichend Zeit für sich. Hausaufgaben oder Projektarbeiten müssen nicht jeden Tag sein.
  2. Achtung, Stresstest: Gerade Prüfungszeiten sind nervenaufreibend. Damit Azubis dafür die notwendige Energie haben, sollte der Betrieb nicht noch zusätzlich belasten.
  3. Jetzt ist Feierabend! Um den Kopf freizubekommen, hilft jedem etwas anderes. Im jungen Alter gehört da auch oft Partymachen dazu.
  4. Zugehen und zuhören: Um ein vertrauensvolles Verhältnis zu Ihren Lehrlingen aufzubauen, müssen Sie den ersten Schritt machen und ein offenes Ohr haben.
  5. Druck nicht abwälzen: Auch als Ausbilder hat man mal Stress. Lassen Sie das nicht an Ihren Azubis aus, sondern setzen Sie sich bewusst damit auseinander.

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