„Auch durch die Brille des anderen schauen“

Genaueres Hinsehen, genaueres Hinhören: Die Ethnologin Kundri Böhmer-Bauer empfindet den Umgang mit Menschen anderer Kulturen vor allem als „spannend und bereichernd“. Dabei gibt es auch einiges zu beachten. Im Interview erklärt die interkulturelle Trainerin, wie die Integration in Ausbildungsbetriebe gelingen kann.
Carolin Cremer-Kruff
Carolin Cremer-Kruff
Textconsultant

Wann besitzt ein Mensch eigentlich „interkulturelle Kompetenz“?

Interkulturelle Kompetenz spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab. Sie beinhaltet das Wissen über andere Kulturen, die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren und auch durch die Brille des anderen zu schauen sowie gewisse Fertigkeiten wie Kommunikationskompetenz und Stressmanagement. Die zentrale Frage lautet: Wie könnte ich etwas interpretieren – und zwar nicht nur vor dem Hintergrund, wie ich selbst sozialisiert worden bin?

Wie verstehen Sie den Kulturbegriff?

Kultur verändert sich permanent. Nicht nur Migranten und Migrantinnen, sondern wir alle tragen verschiedene Kulturen in uns: nationale und regionale Kulturen, Berufskulturen, Unternehmenskulturen, Freizeitkulturen. Daher sind nicht alle Deutschen gleich, ebenso wenig wie alle Iraner oder Afghanen. Aspekte wie Bildung, Alter und Erfahrungen und vieles mehr spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle. Wir sollten diese Diversität und den ständigen Wandel viel mehr zur Kenntnis nehmen.

Dr. Kundri Böhmer-Bauer
Dr. Kundri Böhmer-Bauer ist Ethnologin und arbeitet als interkulturelle Trainerin und Dozentin. In ihren Trainings von Ausbildern und Azubis widmet sie sich der Integration von jungen Menschen in Deutschland. © elenaalger.com

Stattdessen kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Warum?

Weil wir oft nur aus unserer eigenen kulturellen Prägung heraus handeln und urteilen, anstatt dass wir versuchen, unser Gegenüber zu verstehen. So werden Araber oder Türken oft als aggressiv empfunden, weil viele von ihnen lauter sprechen als etliche Deutsche. In manchen Kulturen schaut man sich beim Gespräch aus Respekt vor dem anderen nicht in die Augen. Bei uns ist es genau umgekehrt. Das muss man wissen. Anderes Beispiel: Ganz oft kommt es bei jungen Syrern vor, dass sie die Lehre von jetzt auf gleich abbrechen, wenn sie vor anderen kritisiert wurden. Sie fühlen sich in ihrer Ehre verletzt. In manchen Ländern wie Afghanistan gibt es darüber hinaus eine strikte Geschlechtertrennung, was bei uns, zumindest offiziell und im beruflichen Bereich, nicht zulässig ist.

Wie sollten Ausbilder mit solchen Gegensätzen umgehen?

Sie sollten sich einerseits über die Kultur und den Lebenslauf ihrer Azubis informieren, um bestimmte Handlungen besser verstehen zu können. Andererseits sollten sie die jungen Menschen dazu ermutigen, die in Deutschland üblichen Verhaltensregeln zu erlernen und im Berufsalltag zu leben. Denn ohne die richtigen Umgangsformen werden sie es in ihrer neuen Heimat schwer haben.

„… die jungen Menschen dazu ermutigen, die in Deutschland üblichen Verhaltensregeln zu erlernen und im Berufsalltag zu leben.“

Kundri Böhmer-Bauer

Geben Sie Ausbildern konkrete Tipps in Ihren Seminaren?

Im Umgang mit Menschen gibt es kein Rezept. Wir machen daher viele Übungen, analysieren Fallbeispiele und schauen: Was sind unsere eigenen Kernwerte? Deutsche gelten zum Beispiel als sachorientiert, andere Kulturen orientieren sich an Beziehungen. Wir richten unser Leben stark an der Zeit aus. Aber viele junge Menschen aus anderen Kulturen sind überhaupt nicht mit diesem Zeitgefühl aufgewachsen. Sie müssen das erst lernen ebenso wie die Einhaltung von Regeln. Es gibt Länder, in denen wesentlich flexibler mit Regeln umgegangen wird als bei uns. Auch eine Herausforderung sind verschiedene Lehr- und Lernstile. Aber es geht immer um ein Zusammenspiel aus Individuum, Kultur und Situation.

Ist interkulturelle Kompetenz auch in der digitalen Welt hilfreich?

Ja. Und meiner Meinung nach ist sie dort noch wichtiger. Die Beteiligten müssen noch genauer hinsehen und noch genauer hinhören, um Missverständnisse zu vermeiden. Spannend und bereichernd ist das allemal!

5 Tipps für Ausbilder von Kundri Böhmer-Bauer

  • Viele Azubis mit Migrationshintergrund kommen aus Ländern, in denen frontal unterrichtet wird. Versuchen Sie zu erklären, dass in Deutschland nicht nur Lernen, sondern auch Mitdenken erwünscht ist und eigene Vorschläge gut ankommen.

  • Wenn jemand behauptet, er hätte alles verstanden, lassen Sie es in eigenen Worten wiederholen. Oft wird nicht nachgefragt, um das Gesicht des Ausbilders/Lehrers zu wahren: Dieser soll nicht denken, er hätte schlecht erklärt.

  • Bilden Sie einfache Sätze mit nur einer Aussage pro Satz, damit Sie möglichst gut verstanden werden. Sprechen Sie deutlich und vermeiden Sie Dialekt.

  • Wenn ein hochmotivierter Azubi sich plötzlich zurückzieht, kann es sein, dass er mitten im Kulturschock steckt. Versuchen Sie, ihn durch persönliche Ansprache, Beschäftigung und einem positiven Blick auf die Zukunft abzuholen.

  • Versuchen Sie, den Auszubildenden und allen Mitarbeitern zu vermitteln, dass jeder von jedem lernen kann, die Azubis mit Migrationshintergrund von den deutschen Kollegen, und diese von Kollegen mit Migrationshintergrund.

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