„Sichtbar machen, was wir leisten“

Setzt auf das Qualitätssiegel ihrer IHK „TOP-Ausbildungsbetrieb“: Nadine Richter, Personalmanagerin der A-ROSA Flussschiff GmbH (rechts), neben ihrer Auszubildenden Tami Eberhardt © A-ROSA Flussschiff GmbH
Bestimmte Gütesiegel attestieren, dass sich Unternehmen in besonderem Maße für die Ausbildung junger Menschen einsetzen. Wie Betriebe von einer unabhängigen Beurteilung ihrer Ausbildungsarbeit profitieren können, zeigt das Beispiel des Rostocker Kreuzfahrtveranstalters A-ROSA.
Sylvia Rollmann
Sylvia Rollmann
Freie Journalistin © Karin Maigut

Es war ein gutes Jahr für die A-ROSA Flussschiff GmbH. 2023 begrüßte der Anbieter von europäischen Flusskreuz- fahrten so viele Gäste wie noch nie und machte mehr Umsatz als im Rekordjahr 2019. An guten Mitarbeitern, mit denen die steigende Nachfrage bewältigt werden kann, mangelt es nicht. Auch die beiden Ausbildungsstellen, die A-ROSA pro Jahr vergibt, konnten wieder mit talentierten Kandidaten besetzt werden. Aber: „Wir müssen mehr tun, um auf uns und unser Ausbildungsangebot aufmerksam zu machen“, sagt Nadine Richter, Senior Manager Human Resources.

Unabhängiges Qualitätssiegel als Aushängeschild

120 Mitarbeitende beschäftigt der Kreuzfahrtveranstalter in Rostock, darunter fünf Azubis. Im vergangenen Jahr ließ A- ROSA die eigene Ausbildungsarbeit erstmals von unabhängiger Stelle prüfen und bewarb sich bei der IHK Rostock um den Titel „TOP-Ausbildungsbetrieb“. „Wir wollten sichtbar machen, was wir leisten, um jungen Menschen den Einstieg in ein erfolgreiches Berufsleben zu ermöglichen“, erklärt Personalmanagerin Richter. Veranstaltungen an Schulen, die Teilnahme an Berufsbildungsmessen, eine individuelle Ausbildungsplanung, regelmäßige Feedbackgespräche und die Chance, nach bestandener Abschlussprüfung übernommen zu werden – mit diesem Engagement erfüllte A-ROSA neben den Pflicht- viele der sogenannten Top-Kriterien, die für eine Auszeichnung durch die Kammer maßgeblich sind, und erhielt den Titel.

„TOP-Ausbildungsbetrieb“ – das Qualitätssiegel sei ein „gutes Aushängeschild, um helle Köpfe als Fachkräfte von morgen zu gewinnen“, sagt Nadine Richter. Zudem ermögliche die Auszeichnung den Vergleich mit anderen Betrieben in der Region, mit denen man im Wettbewerb um die besten Talente stehe. „Wir haben motivierte Leistungsträger im Unternehmen, zwei Ausbilder, die unsere Azubis betreuen, und eine HR-Abteilung, die eng mit dem ausbildenden Personal zusammenarbeitet. Wir wissen jetzt, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind und – was noch wichtiger ist – an welchen Punkten wir noch besser werden können.“ Wie etwa im Onboarding. Zwischen Zusage und Start der Ausbildung nehmen nun alle angehenden Azubis an einer vorbereitenden Schulung teil.

Im Azubi-Recruiting hervorheben

Das Berufsbildungsgesetz regelt, dass nur ausbilden darf, wer dazu fachlich und persönlich in der Lage ist. Gleichzeitig stellen die Ausbildungsverordnungen den Ablauf, die Dauer und Inhalte für jeden Ausbildungsberuf sicher. Warum also die eigene Ausbildungsarbeit überprüfen lassen, wenn einheitliche Standards gelten? „Qualitätssiegel werden mehr und mehr zum Marketinginstrument, mit dem sich Arbeitgeber im Azubi-Recruiting hervorheben können“, erklärt Berit Heintz, Leiterin des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung der IHK Rostock. „Bewerber suchen gezielt nach unabhängigen Bewertungen, die glaubhaft belegen, dass die Ausbildungsarbeit eines Betriebes fachlich und menschlich über den gesetzlichen Mindeststandard hinausgeht.“ Die eigene Ausbildungsqualität zu reflektieren, signalisiere Wertschätzung – auch für die Arbeit der Ausbildungsverantwortlichen. Zudem hätten Betriebe die Chance, sich mit den gestiegenen Erwartungen der Berufsanfänger auseinanderzusetzen. „Wer weiß, was junge Menschen brauchen, um eine Ausbildung erfolgreich absolvieren zu können, kann sich besser darauf einstellen.“ Positiver Effekt: mehr passende Bewerbungen, zufriedenere Azubis und bessere Mitarbeiterbindung.

Berit Heintz, IHK Rostock
„Bewerber suchen gezielt nach unabhängigen Bewertungen, die glaubhaft belegen, dass die Ausbildungsarbeit eines Betriebes fachlich und menschlich über den gesetzlichen Mindeststandard hinausgeht.“ Berit Heintz, IHK Rostock © Mathias Rövensthal

Wie aber können Betriebe bei der Vielzahl Zertifizierungsmöglichkeiten die richtige Wahl treffen? „Jedes Unternehmen sollte genau prüfen, ob es sich beim Anbieter um eine seriöse, unabhängige Zertifizierungsstelle handelt, und ob die versprochene Leistung überhaupt dabei helfen kann, das eigene Ausbildungskonzept weiterzuentwickeln“, sagt IHK-Expertin Heintz und warnt: „Ein Gütesiegel darf keine Mogelpackung sein. Hält ein Unternehmen nicht, was sein Siegel verspricht, fällt das irgendwann auf und schadet dem Image.“

So sieht es auch Niels Köstring, Geschäftsführer und Leiter der Zertifizierungssparte bei AUBI-plus. Das nordrhein-westfälische Familienunternehmen hat seit 2014 mehr als 500 Zertifizierungsprojekte begleitet und Betriebe bei überdurchschnittlich guter Leistung mit dem Gütesiegel „BEST PLACE TO LEARN“ ausgezeichnet. „Siegel oder Titel, die man ohne jede Auditierung kaufen kann, helfen nicht, besser zu werden“, sagt Köstring. Dagegen ergebe die anonyme Befragung der Ausbildungsverantwortlichen, der Azubis und jungen Fachkräfte ein differenziertes Meinungsbild und decke Optimierungspotenziale auf.

Niels Köstring © AUBI-plus GmbH
„Siegel oder Titel, die man ohne jede Auditierung kaufen kann, helfen nicht, besser zu werden.“ Niels Köstring, AUBI-plus © AUBI-plus GmbH

Der Wunsch, besser zu werden

Etwa beim Ausbildungspersonal. „In unseren Fragebogen lesen wir häufig, dass nebenamtliche Ausbilder und ausbildende Fachkräfte besser auf ihre Aufgaben vorbereitet werden wollen“, berichtet Köstring. „Sie wünschen sich Weiterbildungsangebote, um fachliche und kommunikative Kompetenzen zu stärken, Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch und generell mehr Zeit, um ihre Azubis betreuen zu können.“ Diese wiederum wünschen sich mehr Feedback, etwa in Form von festen Gesprächsterminen – und häufig auch mehr Planungssicherheit. „Je früher Arbeitgeber kommunizieren, ob sie einen Kandidaten nach Ausbildungsende übernehmen wollen, desto größer die Chance, ihn nicht an einen Mitbewerber zu verlieren.“

Die gute Nachricht: „Im Zuge unserer Zertifizierungen haben fast alle Unternehmen bewiesen, dass sie eine abwechslungsreiche und individuelle Ausbildung gestalten, die junge Menschen hervorragend qualifiziert und in ihrer persönlichen Entwicklung stärkt“, lobt Köstring. Viele innovative Ideen zeugten vom hohen Stellenwert der dualen Ausbildung und vom Willen der Betriebe, dem dringend benötigten Fachkräftenachwuchs beste Bedingungen für den Start ins Berufsleben zu bieten.

Und wie steht es mit denen, die sich nicht zertifizieren lassen können, weil zum Beispiel die finanziellen oder personellen Kapazitäten fehlen? Auch die könnten einiges tun, um eine hohe Ausbildungsqualität zu gewährleisten, meint IHK-Geschäftsbereichsleiterin Heintz. „Junge Leute wollen ernstgenommen und gehört werden, sie wünschen sich Kommunikation auf Augenhöhe und individuelle Unterstützung, wenn es mal nicht rund läuft. Sie möchten eigenverantwortlich arbeiten dürfen und an ihren Herausforderungen wachsen, ohne überfordert zu werden. Diese Rahmenbedingungen lassen sich auch in kleinen Betrieben schaffen.“

www.ihk.de/rostock/aus-und-weiterbildung/top-ausbildungsbetrieb

www.bestplacetolearn.de

Was erfolgreiche Ausbildungsbetriebe richtig machen

  • Recruiting: Professionelles Ausbildungsmarketing ist für die Gewinnung von Nachwuchskräften unerlässlich. Mit frühzeitiger Berufsorientierung und einem unkomplizierten Bewerbungsverfahren können Betriebe bei Schulabgängern punkten und ihnen den Übergang ins Arbeitsleben erleichtern.
  • Onboarding: Ein eingerichteter Arbeitsplatz, aktive Unterstützung bei der Einarbeitung und die zügige Integration ins Team helfen Berufsanfängern, sich schnell im Betrieb zurechtzufinden. Eine gute Willkommenskultur steigert die Motivation und beugt Ausbildungsabbrüchen vor.
  • Struktur: Azubis brauchen Verlässlichkeit, deshalb sollten Ausbildungsplanung, Einsatzzeiten und -bereiche sowie Unternehmenswerte klar kommuniziert werden. Tauschen sich Vorgesetzte und Azubis regelmäßig über Lernfortschritte, Defizite und Bedürfnisse aus, können Missverständnisse und Frust vermieden werden.
  • Personal: Ausbildende, die fachlich und pädagogisch bestens qualifiziert sind, sind der Schlüssel zu hoher Ausbildungsqualität. Sie fungieren als Lernbegleiter, die Vertrauen zu ihren Schützlingen aufbauen, kompetent anleiten und individuell motivieren. Hilfreich können auch „Patenschaften“ sein, bei denen ältere den neuen Azubis zur Seite stehen und ihre Erfahrungen teilen.
  • Praxis: Azubis möchten schnell in die betrieblichen Abläufe integriert werden und frühzeitig „echte“ Projekte übernehmen, die sie eigenverantwortlich planen, umsetzen und kontrollieren dürfen. Anspruchsvolle Aufgaben fördern die Motivation, signalisieren Vertrauen und Wertschätzung.
  • Perspektiven: Gut ausgebildeten Fachkräften steht der Arbeitsmarkt offen. Um starke Azubis nicht an die Konkurrenz zu verlieren, sollten Betriebe frühzeitig signalisieren, ob Interesse an einer Übernahme besteht und welche Karriereperspektiven sich nach der Ausbildung bieten.

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