„Er schenkt mir seine Zeit und Erfahrung“

Wolfgang Köster und Azubi Youssef Messraba
Sie bilden ein erfolgreiches Tandem: der (Un-)Ruheständler Wolfgang Köster, der viele Jahre unter anderem als Servicetechniker arbeitete und nun seinem Schützling Youssef Messraba hilft. Der will seine Ausbildung zum Elektroniker für Automatisierungstechnik unbedingt erfolgreich abschließen. © Andreas Wiese
Kommt es in der Ausbildung zu Problemen, dann hilft VerA. Die Initiative mit erfahrenen Mentoren, die sich ehrenamtlich um Azubis kümmern, will Ausbildungsabbrüche verhindern. So wie im Fall des Syrers Youssef Messraba in Köln.
Sylvia Rollmann
Sylvia Rollmann
Freie Journalistin

Die Zahlen sind alarmierend: Jeder vierte Jugendliche in Deutschland beendet seine Ausbildung vorzeitig und damit ohne Abschluss. Ein Drittel der Verträge wird noch in der Probezeit aufgelöst. Und: Nur jeder zweite Abbrecher setzt seine Ausbildung in einem anderen Betrieb oder Beruf fort. Das hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) im vergangenen Jahr in einem Datenreport ermittelt. Die Gründe für Abbrüche sind vielfältig, doch fest steht: Es gibt Handlungsbedarf. „Für Betriebe ist die duale Berufsausbildung ein wichtiges Instrument, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. Jeder Abbruch ist ein Verlust für den Arbeitsmarkt, der den Staat und die Wirtschaft Geld kostet“, sagt Eckhart Schwartzkopff, Regionalkoordinator Köln der Initiative VerA.

Wenn es beim Eintritt ins Berufsleben nicht rund läuft, hilft VerA. Die Abkürzung steht für „Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen“. Dahinter verbirgt sich ein bundesweites Angebot des Senior Experten Service (SES). Dieser bringt Azubis, die Unterstützung brauchen, mit ehrenamtlichen Fach- und Führungskräften im Ruhestand zusammen. Schlechte Noten? Konflikte im Betrieb? Private Sorgen? „Ziel ist es, die Ausbildung im Tandem zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, nur so können die jungen Menschen ihre berufliche und persönliche Zukunft sichern und sich selbst zu Fach- und Führungspersonal entwickeln“, sagt Schwartzkopff.

Etwas Sinnvolles tun und Neues lernen

Diesen Plan hat auch Youssef Messraba, der bei der Kölner AVG Service GmbH zum Elektroniker für Automatisierungstechnik ausgebildet wird. 2012 war der gebürtige Syrer aus seiner Heimat geflohen und hatte ein Maschinenbaustudium im siebten Semester abgebrochen. „Ich wusste nichts über die Arbeitswelt in Deutschland und hatte Mühe, mich im Berufsleben und in der Schule zurechtzufinden“, sagt der 33-Jährige. „Es fiel mir schwer, die technischen Fachbegriffe und den Schulstoff zu verstehen, vor allem in der Vorbereitung auf die Zwischenprüfung.“ Hilfe fand er bei VerA-Begleiter Wolfgang Köster, mit dem er seit rund einem Jahr ein „Tandem“ bildet. „Er ist bei allen Fragen und Problemen für mich da, beruflich und privat. Er schenkt mir seine Zeit und Erfahrung. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Wolfgang Köster hat Nachrichtentechnik studiert, jahrelang als Servicetechniker im Medizinbereich, später als Vertriebler, Berater und Trainer für die Siemens AG gearbeitet. „Als ich mit 59 Jahren aus dem Berufsleben ausschied, fühlte ich mich zu jung für den Ruhestand. Ich wollte mein Wissen und meine Erfahrung weitergeben“, sagt der 65-jährige Kölner, der sich mindestens einmal pro Woche mit seinem Schützling trifft – mal im Café, mal zu Hause, mal per Videokonferenz. Wolfgang Köster hilft beim Schulstoff, bei der Prüfungsvorbereitung, beim Schriftwechsel mit der Ausländerbehörde, ist manchmal auch einfach nur Zuhörer. „Ich sehe es als Chance, etwas Sinnvolles zu tun, und selbst immer noch Neues zu lernen.“

„Oft werden Mentoren zu Vertrauenspersonen“

Jährlich profitieren etwa 4.000 junge Menschen von der Unterstützung der Seniorexperten. Mehr als 75 Prozent der Azubis, die von VerA betreut werden, können ihre Ausbildung abschließen oder weiterführen. „Das Programm ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil es auf ehrenamtlichem Engagement basiert“, sagt Nico Schönefeldt, Leiter des Bereichs Ausbildung beim DIHK. Die Mentoren könnten auf Erfahrungen aus einem langen Berufsleben zurückgreifen und den Azubis praktische Tipps für ihre Ausbildung geben. „Oft werden die Mentoren zu Vertrauenspersonen, die Halt und Orientierung geben. Das macht sozialpädagogische Arbeit und Instrumente wie die Assistierte Ausbildung oder ausbildungsbegleitende Hilfen nicht überflüssig, kann sie aber gut ergänzen“, so Schönefeldt. Deshalb wollen die IHKs und der DIHK die Arbeit von VerA weiter nach Kräften unterstützen.

Youssef Messraba ist zuversichtlich, seine Ausbildung verkürzen und 2022 abschließen zu können. Ob er dann als Fachkraft in Deutschland arbeiten wird, ist unklar, denn noch ist seine Aufenthaltserlaubnis befristet. „Ich hoffe, dass ich von der AVG übernommen werde und irgendwann vielleicht sogar mein Studium nachholen kann“, sagt der angehende Elektroniker. Sicher ist: Wolfgang Köster wird ihn auf diesem Weg begleiten.

www.vera.ses-bonn.de


Ausbildungsabbrüche mit VerA verhindern – die wichtigsten Fakten:

Die Zielgruppe:

VerA richtet sich an Auszubildende in allen dualen oder schulischen Ausbildungen, auch an junge Menschen, die berufsvorbereitende Angebote und Programme in Anspruch nehmen. Einen besonderen Stellenwert nimmt die Förderung des Fachkräftenachwuchses in ländlichen Räumen und in Pflege- und Gesundheitsberufen ein.

Der Zugang:

Eine Ausbildungsbegleitung kann online unter vera.ses-bonn.de angefragt werden – sowohl von Auszubildenden und Betrieben, als auch von Kammern, Verbänden und Berufsschulen. VerA vermittelt den Kontakt zwischen dem Jugendlichen und seinem ehrenamtlichen Mentor. Sind beide nach dem Kennenlernen einverstanden, startet die Arbeit des Tandems. VerA-Begleitungen dauern zunächst ein Jahr und können bei Bedarf verlängert werden.

Die Kosten:

VerA-Begleitungen sind für Auszubildende, Betriebe und Berufsschulen kostenfrei. Im Rahmen der Initiative „Abschluss und Anschluss – Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss“ wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.Als ehrenamtliches Instrument kann VerA hauptamtliche Angebote wie die Berufseinstiegsbegleitung (BerEb) oder die Assistierte Ausbildung flexibel (AsAflex) ergänzen.

Die Ehrenamtsorganisation:

Der Senior Experten Service (SES) ist die größte deutsche Ehrenamtsorganisation für Fach- und Führungskräfte im Ruhestand oder in einer beruflichen Auszeit (Weltdienst 30+). Seit 1983 setzt sich die gemeinnützige Stiftung aus Bonn für den Nachwuchs in Ausbildung und an Schulen ein und hat 2008 zusammen mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag, dem Deutschen Handwerkskammertag und dem Bundesverband der freien Berufe die Initiative VerA ins Leben gerufen. Bundesweit kann der SES auf über 12.000 Mentoren zurückgreifen, die Erfahrungen aus allen Bereichen der Industrie, des Handwerks, aus technischen, kaufmännischen und sozialen Berufen mitbringen. Mehr als 3.000 von ihnen engagieren sich als Ausbildungsbegleiter.

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