Die Berufswahl ist oft ein Familienprojekt: Eltern recherchieren, hinterfragen und beraten ihre Kinder. Für Ausbildungsbetriebe sind sie damit wichtige Mitentscheider – und oft Türöffner für den Nachwuchs. „Eltern sind für uns wichtige Berufswahlbegleiter und Multiplikatoren für die duale Ausbildung“, sagt Gabriele Starke, die bei der IHK Hannover für das Ausbildungsmarketing zuständig ist. Denn Eltern sind meist die engsten Bezugspersonen und entscheidend daran beteiligt, welchen Berufsweg Jugendliche nach dem Schulabschluss einschlagen.
Auch bei der DIHK sieht man diese Entwicklung, die für viele Unternehmen durchaus eine Herausforderung ist: „Einige Eltern haben Vorbehalte gegenüber der dualen Berufsausbildung und wollen lieber, dass ihre Kinder eine akademische Laufbahn anstreben“, sagt Jana Heiberger, DIHK-Referatsleiterin für den Bereich Berufsorientierung. „Wir wollen diese Barrieren im Kopf durchbrechen.“ Denn: Die Karriereaussichten einer Ausbildung stehen denen eines Studiums nicht nach – und auch Gehalt und Aufstiegsmöglichkeiten sind oft vergleichbar. Hinzu kommt, dass auch Azubis inzwischen an internationalen Programmen wie etwa Erasmus+ teilnehmen können.
Konkrete Einblicke für Eltern
200 Azubis und dual Studierende, 14 Ausbildungsberufe, sieben Standorte: Melissa Gonsior, die selbst über ein duales Studium zur MADSACK Mediengruppe kam, ist heute am Hauptstandort Hannover für die strategische Ausrichtung der Ausbildung des Unternehmens verantwortlich. Mit einem digitalen Informationsabend speziell für Eltern stellt man dort seine Ausbildungsberufe vor – von Medienkaufleuten über den Grafik- und Designbereich bis hin zu Technik- und Logistikberufen. Melissa Gonsior erlebt dabei Eltern, die für ihre Kinder in Zukunft vor allem eines wollen: Sicherheit. Fragen zu Perspektiven im Unternehmen werden bei diesem Online-Format daher genauso besprochen wie zu Übernahmechancen und Weiterbildungsmöglichkeiten.
Eltern haben ein hohes Interesse daran, wo das eigene Kind künftig die meiste Zeit verbringen wird.
Melissa Gonsior, Ausbildungsleitung und Referentin für Nachwuchssicherung bei der MADSACK Mediengruppe
Wenn neue Azubis ihre Zusage erhalten haben, lädt MADSACK im Rahmen des sogenannten Preboardings (Vorbereitung auf den ersten Arbeitstag) zu einem Treffen mit dem Motto „Bring Your Loved Ones“ ein. Dann sind nicht nur Eltern willkommen, sondern auch alle anderen, denen die neuen Azubis ihren zukünftigen Arbeitsplatz zeigen möchten. Neugierig auf den Newsroom? Melissa Gonsior zeigt ihnen diesen Arbeitsbereich gern: „Eltern haben ein hohes Interesse daran, wo das eigene Kind künftig die meiste Zeit verbringen wird.“ Außerdem geplant ist erstmals ein Festakt zum Abschied nach den bestandenen Prüfungen, bei dem die Azubis diesen Moment bei einer feierlichen Zeremonie mit ihren Familien teilen.
Vater und Mutter entscheiden mit
Auch Bastian Schilling vom baden-württembergischen Automobilzulieferer Mahle setzt auf die Eltern: „Sie sollen bei uns erfahren, wie zukunftsfähig unser Unternehmen aufgestellt ist“, sagt der Ausbildungsleiter. „Gleichzeitig geht es uns darum, ein erstes Vertrauensverhältnis aufzubauen.“ Unter Schillings Verantwortung haben vor Kurzem 122 neue Lernende deutschlandweit ihre Ausbildung oder ihr duales Studium gestartet, insgesamt sind es rund 400. Rund zwei Drittel von ihnen kamen über die eigenen Eltern oder Freunde der Eltern ins Unternehmen, also durch Kontakte aus dem direkten Umfeld – so hat es eine interne Befragung ergeben.
Grund genug für die Ausbildungsleitung, gerade diese Zielgruppe mit einem breiteren Angebot anzusprechen. „Eltern sind bei uns wichtige Multiplikatoren“, so Bastian Schilling. Gestartet hat diese Initiative mit einer internen Veranstaltung als Pilotprojekt mit rund 100 Teilnehmenden. In diesem Jahr folgte dann erstmals eine öffentliche Umsetzung am Stuttgarter Unternehmenshauptsitz von Mahle. Bei einem Tag der offenen Tür erhielten Eltern Einblicke in die Produktion sowie Informationen zu Ausbildung und Schülerpraktika. Bei einer Mitmach-Station galt es, kleine Rennautos aus Metall anzufertigen – inklusive 3D-Druck, CNC-Fräse und Namensgravur. Mit eingebunden waren an diesem Tag neben dem Ausbildungspersonal auch die Azubis selbst. „Mit einem Mix an Ansprechpartnern konnten wir sowohl Jugendliche als auch Eltern erreichen“, erklärt Bastian Schilling. Im kommenden Jahr soll die Veranstaltung sogar auf zwei Tage ausgeweitet werden. Mit dabei ist dann auch der M+E-Infotruck des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall – ein Info‑Mobil der Metall‑ und Elektro‑Industrie.
Die Eltern sollen erfahren, wie zukunftsfähig unser Unternehmen aufgestellt ist.
Bastian Schilling, Ausbildungsleiter beim baden-württembergischen Automobilzulieferer Mahle
Unterstützung durch IHKs
Auch die Industrie- und Handelskammern unterstützen Betriebe dabei, Eltern gezielt anzusprechen. Eine bundesweite IHK-Landkarte zeigt Eltern, wo sie Informationen und Veranstaltungen finden. Bei der IHK Hannover setzt man auf Vielfalt: Sie ist bei Elternabenden an Schulen genauso vertreten wie bei gemeinsamen Infoveranstaltungen mit der Agentur für Arbeit und der Handwerkskammer. Hinzu kommen Eltern-Lounges auf Messen und der „Meet & Eat“-Ausbildungstalk, bei dem Eltern in lockerer Atmosphäre verschiedene Ausbildungsbetriebe kennenlernen können. Doch das ist nicht alles.
„Eltern erreicht man am besten dort, wo sie ohnehin sind“, sagt Gabriele Starke von der IHK Hannover. Deshalb engagiert sich die IHK Hannover auch im Sport- und Freizeitbereich – etwa bei Zeltlagern, Handballspielen oder Reitturnieren. Beim sogenannten Ausbildungsspieltag ist die Kammer mit einem Infostand und Glücksrad in der Handballhalle präsent. „In der Freizeit sind Eltern erfahrungsgemäß offener für neue Impulse“, erklärt Starke. „Sie müssen sich nicht extra auf den Weg machen, sondern wir kommen zu ihnen. So haben wir die Gelegenheit, sie ganz lebensnah anzusprechen.“ Ein weiterer Hebel liegt am Arbeitsplatz selbst: Viele Mitarbeitende sind selbst Eltern und können für ihre Kinder zu wichtigen Botschaftern werden, wenn es um die Berufswahl geht. Interne Familientage und Angebote für Schülerpraktika sind daher eine gute Möglichkeit, die Neugier zu wecken. Gleichzeitig präsentiert man sich so als Arbeitgeber, der die gesamte Familie mitdenkt.
Eltern sind für uns wichtige Berufswahlbegleiter und damit auch Multiplikatoren für die duale Ausbildung.
Gabriele Starke, Expertin für Ausbildungsmarketing bei der IHK Hannover
Umgang mit überengagierten Eltern
Gezielte Elternarbeit kann für Ausbildungsbetriebe ein strategischer Vorteil sein – wenn die Rollen klar sind. Denn wo Unterstützung hilfreich ist, kann übermäßiges Eingreifen zur Belastung werden. „Wir erleben Eltern, die viel aktiver sind und sich nicht mehr nur im Hintergrund halten“, sagt Maike Schumacher, stellvertretende Abteilungsleiterin Berufliche Bildung bei der IHK Region Stuttgart. „Wenn Eltern vom Ausbildungsberuf und -betrieb überzeugt sind, helfen sie mit, falls es mal Probleme gibt. Das ist ein unschätzbarer Vorteil für alle.“
Wenn Eltern vom Ausbildungsberuf und -betrieb überzeugt sind, helfen sie mit, falls es mal Probleme gibt. Das ist ein unschätzbarer Vorteil für alle.
Maike Schumacher, stellvertretende Abteilungsleiterin Berufliche Bildung bei der IHK Region Stuttgart
Eltern können viel Gutes bewirken – aber es wird schwierig, wenn sie Aufgaben übernehmen, die eigentlich Sache der Jugendlichen sind. Schreiben Eltern die Bewerbung oder mischen sie sich direkt in den Ausbildungsalltag ein, fehlt den jungen Leuten die Chance, ihre eigenen Stärken und Interessen realistisch einzuschätzen. Und wenn Jugendliche sich allein auf den Rat der Eltern verlassen, merken sie oft zu spät, dass der gewählte Beruf nicht zu ihnen passt. Ein Ausbildungsabbruch ist dann nicht nur für die Jugendlichen belastend, sondern bedeutet für Betriebe auch zusätzlichen Aufwand und den Verlust bereits investierter Zeit und Energie.
Deshalb brauchen Unternehmen einen professionellen Umgang mit engagierten Eltern: klare Kommunikation, feste Zuständigkeiten und der Grundsatz, dass die Verantwortung bei den Azubis bleibt. Eltern sollen informiert sein und sinnvoll eingebunden werden – die Entscheidung für den Beruf muss aber der Nachwuchs selbst treffen. Gelingt diese Balance, wird elterliche Unterstützung zum Vorteil: Sie stärkt die Bindung der Jugendlichen und hilft Unternehmen, ihre neuen Fachkräfte sicher durch die Ausbildung zu begleiten.
Erfolgsfaktoren: Was Eltern überzeugt
- Eltern gezielt einbinden: Sprechen Sie bei Elternabenden und Infotagen konkret über Perspektiven, Entwicklungsmöglichkeiten und Sicherheit einer Ausbildung.
- Authentische Einblicke schaffen: Lassen Sie Eltern und Jugendliche hinter die Kulissen blicken und ermöglichen Sie Begegnungen mit Azubis und Ausbildern.
- Dialog statt Einbahnstraße: Rechnen Sie auf Messen und Veranstaltungen mit kritischen Fragen – und nehmen Sie sich Zeit für persönliche Gespräche.



