Viele Unternehmen in Deutschland stehen heute vor der Herausforderung, ihre Ausbildungsplätze mit passenden Nachwuchskräften zu besetzen. Manche Betriebe erhalten gar keine Bewerbungen, andere kämpfen mit Passungsproblemen zwischen Anforderungen und Bewerberprofilen. So gaben 73 Prozent der Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten an, im Jahr 2024 keine geeigneten Mitarbeitenden gefunden zu haben – ein Anstieg um vier Prozentpunkte gegenüber den beiden Vorjahren, zeigt die Unternehmensbefragung „Ausbildung 2025“ der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). In dieser angespannten Situation gießen vorzeitige Ausbildungsabbrüche Öl ins Feuer. Laut dem Ausbildungsreport 2025 des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) haben sie einen neuen Rekord erreicht: So wurden nach den jüngsten Erhebungen 29,7 Prozent aller Ausbildungsverträge vorzeitig beendet – nahezu jeder dritte.
Gründe für Abbrüche: falsche Vorstellungen
Hauptgründe für Ausbildungsabbrüche sind laut DGB-Report Konflikte zwischen Azubis und Ausbildern, mangelhafte Ausbildungsqualität, ungünstige Arbeitsbedingungen oder gesundheitliche Probleme – aber auch falsche Vorstellungen vom Beruf. Diese nennen auch Unternehmen als häufige Ursache für Vertragsauflösungen, neben fehlender Leistung oder Motivation. Umso wichtiger wird eine fundierte Berufsorientierung. „Wir empfehlen deshalb, die Berufsorientierung zu stärken und mit bestehenden Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit, der Länder und Sozialpartner zu verzahnen. Eine praxisnahe Berufsorientierung hilft jungen Menschen, passende Wege zu finden und Fehlentscheidungen zu vermeiden“, sagt Jana Heiberger, Referatsleiterin Berufsorientierung, Berufsschule, MINT-Förderung bei der DIHK.
Für die realistische Präsentation eines Berufsbilds sollten Betriebe vor allem auf eine klare und transparente Kommunikation setzen. Schon in Stellenausschreibungen und auf der Unternehmenswebseite sollten Berufsprofil und Ausbildungsweg sowie die nötigen Anforderungen genau beschrieben werden. Folgende Fragen können sich Personaler und Ausbildungsverantwortliche dazu stellen:
- Stellen wir die Tätigkeit mit allen wichtigen Aufgaben, Anforderungen sowie eventuellen Herausforderungen (körperlich, sozial, emotional) authentisch dar?
- Informieren wir transparent zum Ausbildungsverlauf und wichtigen Stationen?
- Ist die Stellenausschreibung motivierend und kommuniziert auch Entwicklungspotenziale?
Transparenz und Authentizität als Schlüssel
Authentische und bewusste Kommunikation im Recruiting ist ein entscheidender Schritt, um Ausbildungsabbrüchen entgegenzuwirken. Andreas Mecke, Gründer von Qualiteam Personal und Autor des Buches „Neustart Recruiting“, berät Unternehmen seit 2020. Auch er betont: „Passgenauigkeit entsteht durch Authentizität. Ich empfehle Betrieben, ihre Werte und Firmenkultur sowie Anforderungen offen zu kommunizieren und zugleich Persönlichkeit, Einstellung und Motivation der Job-Anwärterinnen und -Anwärter ins Zentrum zu rücken. Praxisnahe Auswahlverfahren, ehrliche Einblicke ins Arbeitsumfeld sowie planvolle Einarbeitung mindern das Fehlbesetzungsrisiko.“ Damit ein gutes Matching gelingt, sollten Unternehmen also deutlich sagen, was sie sich wünschen und was der Beruf erfordert, aber auch, was sie durch ihre Ausbildung oder an Karriereperspektiven bieten.
Wichtig sei neben einer transparenten Kommunikation auch Begeisterung, sagt Andreas Mecke. Branchen, die unter Druck stehen, wie etwa das Gastgewerbe, würden dem Mangel an Fachkräften oft begegnen, indem sie auf Leiharbeit oder Aushilfen setzen – ein kurzfristiger Ansatz, der die Service-Qualität und Mitarbeitermotivation schwächt. Mecke rät stattdessen, Begeisterung zu zeigen und in die Qualität der Ausbildung zu investieren: „Erfolgreiches Recruiting beginnt mit einer klaren Haltung und Enthusiasmus für den Beruf. Das zieht Talente an! Ausbildungsabbrüche folgen aus defizitärer Anleitung und fehlender Anerkennung. Klare Strukturen, Entwicklungsgespräche und respektvolle Zusammenarbeit bilden die Basis.“ Weitere Maßnahmen wie Azubi-Paten oder Projekte, die Auszubildende eigenständig umsetzen, stärkten zudem die Bindung an den Betrieb.
Zu wenig Bewerbungen? Matching nutzen
Für viele Betriebe erschwert ein Bewerbermangel den Auswahlprozess zusätzlich. Laut der DIHK-Publikation „Ausbildung 2025“ erhielten im Jahr 2024 rund 32 Prozent der Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten keine Bewerbungen auf ihre Ausbildungsplätze – ein leichter Rückgang von 35 Prozent im Jahr 2023, doch immer noch eine erschreckend hohe Zahl. Besonders betroffen sind Industrie, Verkehr und Baugewerbe, wo mehr als die Hälfte der Betriebe (jeweils 52 bis 56 Prozent) ihre Ausbildungsplätze 2024 nicht besetzen konnten.
Im Falle weniger oder unpassender Bewerbungen können Matching-Projekte Abhilfe schaffen, wie zum Beispiel das Programm „Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen“, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) gefördert und von mehreren IHKs umgesetzt wird. Die Beratungskräfte der Kammern übernehmen dabei die Rolle der „Matchmaker“: Sie erstellen in Absprache passgenaue Anforderungsprofile, suchen nach potenziellen Azubis und präsentieren den Betrieben eine Vorauswahl.
Chance: Internationales Recruiting
Eine große Chance, um Ausbildungsplätze passgenau zu besetzen, liegt auch im internationalen Recruiting. Die Bemühungen von Wirtschaft, IHKs und Politik, die Einwanderung in die Ausbildung zu fördern, zeigten bereits Erfolge, resümiert die DIHK in der Publikation „Ausbildung 2025“. So habe bereits jedes dritte Unternehmen versucht, Menschen aus Drittstaaten auszubilden – 30 Prozent mit Erfolg. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Betriebe sei offen gegenüber Auszubildenden aus Drittstaaten, während kleinere Unternehmen vor allem wegen organisatorischen Hürden zögerten. Die DIHK setzt sich deshalb für eine Entbürokratisierung ein. Sie empfiehlt, dass die Mehrfachprüfung von Ausbildungsverträgen durch verschiedene Behörden entfallen soll. Bei Kammerberufen solle die Prüfung durch die jeweilige Kammer allein genügen. Dass internationales Recruiting Lösungswege bietet, belegt die Hotellerie und Gastronomie: 68 Prozent der Betriebe haben bereits Auszubildende aus Drittstaaten ausgebildet. Von 2023 auf 2024 konnte die Branche so einen Rückgang an nicht besetzten Ausbildungsstellen von 54 Prozent auf 45 Prozent verzeichnen, zeigt die DIHK-Befragung.
Auch das Programm „Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen“ setzt auf das Potenzial, das internationale Talente und die Integration von Geflüchteten bieten: So entfielen von 4.900 Vermittlungen im Jahr 2024 rund 800 auf Geflüchtete und 355 auf Jugendliche aus EU- und Drittstaaten. Interessierte Betriebe finden auf der Internetseite des Netzwerks „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ Informationen zum internationalen Recruiting und können per Postleitzahl nach Willkommenslotsen in ihrer Nähe suchen. Internationales Recruiting kann so den Talentpool erweitern und auch die kulturelle Vielfalt und Diversität in den Betrieben erhöhen.

Die DIHK-Publikation „Ausbildung 2025“ mit Umfrageergebnissen, Grafiken und Tabellen ist kostenfrei zum Download erhältlich.
Finden und gefunden durch IHK-Lehrstellenbörsen
Die IHKs fördern die Auffindbarkeit von Stellenanzeigen über Lehrstellenbörsen, die Daten automatisiert übernehmen. Veröffentlichen Sie Ihre Anzeigen in der Ausbildungsplatzbörse der Agentur für Arbeit, greifen IHK-Portale wie „Der Ausbildungsatlas“ oder seit 2025 „Meine Ausbildung in Deutschland“ automatisch und kostenfrei darauf zu – für noch mehr Sichtbarkeit.
Mehr Informationen zum Stellenportal „Meine Ausbildung in Deutschland“ finden Sie hier:
meine-ausbildung-in-deutschland.de/fuer-unternehmen
Das Programm: „Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen“
Das Programm „Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen“ unterstützt Betriebe bei der Suche nach Auszubildenden und der Integration ausländischer Fachkräfte und Geflüchteter. Gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), richtet es sich speziell an kleine und mittlere Unternehmen. Ziel ist es, offene Ausbildungsplätze mit passenden in- und ausländischen Jugendlichen zu besetzen und Integration zu fördern.
Weitere Informationen zum Programm finden Sie im Internet: www.unternehmen-integrieren-fluechtlinge.de/beschaeftigung-und-ausbildung/finden/willkommenslotsen



