Ohne Klischees zum Traumberuf

Ohne Klischees zum Traumberuf
„Die männlichen Kollegen trauen uns Frauen zu, dass wir die ­Aufgaben genauso gut ­erledigen”, sagt Judith ­Gittel. Sie hat sich bewusst für einen technischen Beruf entschieden, den üblicher­weise Männer ergreifen © Andreas Wiese
Männer werden Kfz-Mechatroniker, Frauen Medizinische Fachangestellte. Klassische Rollenbilder beeinflussen die Berufswahl. Schränken junge Menschen so ihre Chancen ein? Dass es sich lohnt, gängige Vorurteile abzubauen und beim Recruiting gezielt unterrepräsentierte Gruppen anzusprechen, zeigt das Beispiel der Ford-Werke GmbH in Köln.
Sylvia Rollmann
Sylvia Rollmann
Freie Journalistin

Irgendwas mit Medien? In der Pflege? Im Büro? Nein. Judith Gittel wusste früh, in welchem Bereich sie einmal arbeiten möchte. „Technik und Physik haben mich schon als Kind interessiert. Das macht mir Spaß, darin bin ich gut“, sagt die 20-Jährige. Seit gut einem Jahr absolviert sie bei der Ford-Werke GmbH in Köln einen der dualen Studiengänge „do2technik“, nämlich eine Ausbildung zur Elektronikerin für Automatisierungstechnik, kombiniert mit dem Studium der Elektrotechnik. Ein Berufsfelderkundungstag bei Ford hatte sie bestärkt, sich nach dem Abitur zu bewerben. „Ich wollte eigentlich studieren, aber auch praktisch arbeiten. Nun geht beides, und ich habe innerhalb von viereinhalb Jahren zwei Abschlüsse in der Tasche.“

Entwicklung, Konstruktion, Programmierung, Montage – Judith Gittel hat sich bewusst für einen technischen Beruf entschieden, den üblicherweise Männer ergreifen. „Am Anfang hatte ich Bedenken, ausgegrenzt oder nicht ernst genommen zu werden. Doch das war unbegründet“, versichert die duale Studentin. „Die männlichen Kollegen trauen uns Frauen zu, dass wir die Aufgaben genauso gut erledigen. Wir sind gleichgestellt und ergänzen uns gut.“ Auch Familie und Freunde hätten sie stets unterstützt. „Sie wissen, dass diese Arbeit perfekt zu meinen Fähigkeiten passt und die Perspektiven sehr gut sind.“

Frauenanteil stagniert in MINT-Berufen

Und doch sind Frauen in vermeintlichen „Männerberufen“ immer noch unterrepräsentiert. Geht es um die Wahl des Ausbildungsberufes, entscheidet sich das Gros der Schülerinnen für eine Tätigkeit im Büro oder im Gesundheitsbereich, männliche Schulabgänger bevorzugen die Bereiche Technik oder Informatik. Über die Jahre haben sich die Ranglisten der meist gewählten Ausbildungsberufe kaum verändert, obwohl das Angebot stetig wächst. So standen laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) auch 2021 wieder die Medizinische Fachangestellte und die Kauffrau für Büromanagement sowie der Kfz-Mechatroniker und der Fachinformatiker weit oben auf der Beliebtheitsskala.

„Viele Jugendliche lassen sich von Rollenklischees statt von individuellen Stärken und Interessen lenken“, sagt Jana Heiberger, Referatsleiterin Berufsorientierung, Berufsschule und MINT-Förderung beim DIHK. Gesellschaftliche Erwartungen, seit der Kindheit vermittelte Rollenbilder, aber auch unzureichendes Wissen über Berufsinhalte trügen dazu bei, dass sich an der Geschlechterverteilung nur wenig ändere. „Seit Jahren stagniert der Frauenanteil im Bereich der MINT-Ausbildung bei durchschnittlich elf Prozent, auch, weil Vorbilder fehlen, die Mut machen, unbekannte Ausbildungswege und Berufe in Betracht zu ziehen.“

Das Problem: Schon jetzt können Betriebe offene Stellen nicht mehr besetzen, weil geeignetes Personal fehlt. „Rollenklischees schränken den BewerberInnen-Pool zusätzlich ein, dringend benötigtes Fachkräftepotenzial geht verloren“, mahnt Heiberger. Damit junge Menschen ihre Talente bestmöglich in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt einbringen könnten, gelte es, individuelle Fähigkeiten geschlechtsunabhängig zu fördern. „Dazu gehört auch eine frühe, praxisnahe Berufsorientierung, die Mädchen und Jungen gleichermaßen das große Ausbildungsangebot näherbringt – jenseits vermeintlicher ­Traumberufe.“

„Viel tun, um mit Vorurteilen aufzuräumen“

Beim Automobilhersteller Ford, wo die Belegschaft überwiegend männlich ist, sind Bewerberinnen mehr als willkommen. Das 1999 gegründete FiT-Team („Frauen in Technik“) arbeitet gezielt daran, Mädchen und Frauen für technische und Ingenieurs-Berufe zu begeistern. Praktika, Partnerschaften mit Schulen oder Aktionstage wie der Girls’Day sollen den Frauenanteil steigern, der am Stammsitz Köln im Schnitt bei 16 Prozent liegt. „Wir müssen viel tun, um in der Schule oder auch bei Eltern und Lehrkräften mit Vorurteilen aufzuräumen und technische Berufe in den Fokus der Mädchen zu rücken. Die Stereotype sind tief verwurzelt“, sagt Monika Rubbert, verantwortlich für FiT.

Ziel ist die Sicherung von Nachwuchskräften – aber auch mehr Vielfalt innerhalb der Belegschaft. „Es ist von Vorteil, wenn männliche und weibliche Perspektiven in die Entwicklung und Produktion einfließen. Gemischte Teams sind innovativer und motivierter, und es herrscht ein besserer Umgangston“, weiß Rubbert. Wenngleich junge Menschen in geschlechtsuntypischen Berufen auch einmal ihre Ellenbogen einsetzen und gegen Vorurteile kämpfen müssten, lohne es sich, die Herausforderungen anzunehmen. „Die Erfahrungen sind sehr positiv – für beide Seiten.“


So fördern Unternehmen eine ­klischeefreie Berufswahl

Aktionstage

Mädchen tüfteln im Chemielabor, Jungen erkunden das Krankenhaus. Beim jährlichen Girls’Day und Boys’Day erhalten junge Menschen Einblicke in Berufsfelder, die vermeintlich untypisch für ihr Geschlecht sind und deshalb bei der Berufswahl oft außen vor bleiben. Unternehmen, Hochschulen und Organisationen haben bei den bundesweiten Aktionstagen die Möglichkeit, ihr Ausbildungsangebot zu präsentieren und gezielt um bisher unterrepräsentierte Gruppen zu werben.
www.girls-day.de
www.boys-day.de

Partnerschaften

Über Praktika und Partnerschaften mit Schulen können Betriebe frühzeitig mit Schülerinnen und Schülern in Kontakt treten und sie ermutigen, auch geschlechtsuntypische Berufe zu ergreifen, wenn diese zum Talent und den Interessen passen. Rollenvorbilder aus der betrieblichen Praxis, die Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten frei von gängigen Rollenvorstellungen aufzeigen, können helfen, Vorurteilen bei der Berufswahl vorzubeugen und Stereotype abzubauen.

Recruiting

Mit geeigneten Formulierungen und Bildmotiven dafür sorgen, dass sich alle Geschlechter gleichermaßen von Stellenausschreibungen und Marketingmaßnahmen angesprochen fühlen.

Beratung

Die Bundesinitiative Klischeefrei, ein Zusammenschluss von Partnerorganisationen aus Bildung, Politik, Wirtschaft, Praxis und Wissenschaft, dem sich auch der DIHK angeschlossen hat, unterstützt Aktive, die sich für eine geschlechtergerechte, vorurteilsfreie Berufs- und Studienwahl starkmachen möchten. Unter www.klischee-frei.de bietet die Initiative Arbeitshilfen und Beratung, Materialien und Faktenblätter, Hinweise auf Seminare und Veranstaltungen sowie Praxisbeispiele.
www.klischee-frei.de

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