„Im Fall der Fälle etwas in der Hand haben“

Thomas und Michael Lamparter
Wenn der Vater mit dem Sohne: Thomas und Michael Lamparter arbeiten zusammen an einer Maschine, die technische Federn herstellt. Beide sind in einem Beruf tätig, den sie nicht gelernt haben – ihre Kompetenzen haben sie jedoch in einem Validierungsverfahren nachgewiesen. © Annja Maga
Brief und Siegel für Könner: Was ungelernte Arbeitskräfte und Quereinsteiger beruflich drauf haben, lassen sich manche sogar zertifizieren. Wie die Lamparters auf der Schwäbischen Alb. Bundesweit beteiligen sich bisher 32 Kammern am Projekt Valikom, für Betriebe und Teilnehmer ist das Validierungsverfahren kostenlos.
Annja Maga
Annja Maga
Redakteurin von „Magazin Wirtschaft“ der IHK-Region Stuttgart

Ganz schön ähnlich sehen sich die beiden Herren in den blauen Firmenpullis. Kein Wunder, Thomas und Michael Lamparter sind Vater und Sohn. Zusammen arbeiten sie bei der Hans Ziller GmbH, einem Spezialisten für Präzisionsfedern. Und zusammen haben sie eine Art zweiten Abschluss gemacht. Zweiter Abschluss? Immerhin ist Lamparter Senior 52 und der Junior auch schon 29. „Ich habe Sanitärinstallateur gelernt und später die Tankstelle meines Vaters übernommen“, erzählt Thomas Lamparter. 2014 schloss er den Betrieb, weil die Auflagen immer teurer wurden. „Dann habe ich die Stelle bei Ziller gefunden. Das macht richtig Spaß“, strahlt er. So viel, dass er seinen Sohn nachzog, als der 2017 wegen Schulterproblemen nicht mehr als Kfz-Mechatroniker arbeiten konnte. Mit gutem Auge und ruhiger Hand produzieren sie seither Federn aus Draht. Nur eines fehlte ihnen bis vor kurzem: etwas, mit dem sie ihre Spezialkompetenz nachweisen könnten.

Dieses Manko störte auch Ziller-Ausbildungsleiter Sven Feldenzer. Er ist froh, dass er die beiden Fachkräfte hat. „Aber im Falle eines Falles sollten sie doch etwas in der Hand haben“, ist er überzeugt. Als er von „Valikom Transfer“ hörte, war er darum gleich begeistert, denn Valikom ist ein Validierungsverfahren, mit dessen Hilfe Menschen ihre Kompetenzen zertifizieren lassen können, die in einem Beruf arbeiten, den sie nicht in einer dualen Ausbildung erlernt haben. Ein prima Personalentwicklungsinstrument also für diejenigen, die bisher durch alle Raster gefallen sind. Für Feldenzer ist es aber auch ein Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung für die gute Arbeit der Lamparters.

Für Berufserfahrene, die 25 Jahre oder älter sind

Bedingung für die Teilnahme an Valikom ist, dass man 25 Jahre oder älter ist und über einschlägige Berufserfahrung verfügt, Deutschkenntnisse mindestens auf B1/B2-Niveau sind wünschenswert. Zum Verfahren kann man sich selbst anmelden oder vom Arbeitgeber vorgeschlagen werden.

Bei Ziller war es der Betrieb, der bei der IHK anfragte. Daraufhin kam Alicia Prochotta in Böhmenkirch auf der Schwäbischen Alb vorbei. Die Wirtschaftswissenschaftlerin leitet das Projekt „ValiKom Transfer“ in der Region Stuttgart. Zunächst beriet sie die Lamparters ausführlich, damit sie ihre Kompetenzen in Bezug zum Referenzberuf „Maschinen- und Anlagenführer“ einschätzen konnten. „Wir bekamen einen Bewertungsbogen, den wir zu Hause ausgefüllt haben“, erinnert sich Thomas Lamparter. Einige Wochen später besprach die IHK-Frau die Ergebnisse mit den beiden. Danach mussten sie ihre Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in praxisbezogenen Aufgaben vor einem Berufsexperten unter Beweis stellen.

War das schwer? „Wenn man was von seiner Arbeit versteht, dann ist das kein Thema“, erzählt Thomas Lamparter, und sein Sohn findet, das bringe die Sache auf den Punkt: „Man muss wirklich nicht nervös sein, wie ich am Anfang“.

Abhängig vom Ergebnis erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat, das dokumentiert, ob ihre Kompetenzen teilweise oder sogar ganz denen des anerkannten Ausbildungsberufs entsprechen, wie bei Lamparters. „Das ist wie ein zweiter Gesellenbrief!“, freut sich der Junior.

„Ein Selbstläufer ist es nicht“

Bei ihnen hat es super geklappt, doch „ein Selbstläufer ist es nicht“, mahnt IHK-Frau Prochotta. Sie möchte auf keinen Fall falsche Erwartungen wecken. Schließlich liege der Wert des erworbenen Zertifikats gerade darin, dass die Kompetenzen realistisch eingeschätzt werden.

Was können nun Unternehmen tun, die geeignete Valikom-Kandidaten haben? „Das erste ist, sie auf das Verfahren aufmerksam zu machen und zur Teilnahme zu motivieren“, rät Prochotta. Danach können Vorgesetzte bei der Einschätzung der Kompetenzen und bei der Antragstellung helfen. Hilfreich sei es auch, wenn, wie bei Ziller, die Beschäftigten für die Bewertung freigestellt würden und diese im Unternehmen stattfinden könnte.

Valikom ist ein deutschlandweites Projekt, an dem 32 Kammern teilnehmen. Gefördert wird es vom Bildungsministerium. Für Betriebe und Teilnehmer ist es kostenlos, was mindestens bis Oktober 2024 so bleiben wird.

Im Zeitalter des Fachkräftemangels steht aber zu hoffen, dass die Politik den Wert erkennt und daraus eine Dauereinrichtung macht. Der leistungsgerechte Einsatz von Menschen, die sich umorientieren müssen, die vielleicht irgendwann im Leben mal falsch abgebogen sind oder die von vornherein keine Chance auf eine reguläre Ausbildung hatten, ist schließlich im Interesse aller.

Sven Feldenzer jedenfalls will Valikom weiteren Ziller-Mitarbeitern anbieten. „Aber wir waren die Piloten“, lacht Michael Lamparter stolz.


In folgenden Berufen sind Validierungsverfahren derzeit möglich:

  • Kaufmännische Berufe
  • Kaufleute für Büromanagement
  • Kaufleute im Einzelhandel
  • Verkäufer/-in
  • Mediengestalter/-in (Konzeption und Visualisierung)
  • Gewerblich technische Berufe
  • Fachinformatiker/-in
  • Fachkraft für Lagerlogistik
  • Fachlagerist/-in
  • Verfahrensmechaniker/-in (Beschichtungstechnik)
  • Fachkraft für Metalltechnik
  • Industrieelektriker/-in (Betriebstechnik)
  • IT-Systemelektroniker/-in
  • Maschinen- und Anlagenführer/-in
  • Techn. Produktdesigner/-in
  • Hotel- und Gastroberufe
  • Fachkraft im Gastgewerbe
  • Fachleute für Systemgastronomie
  • Restaurantfachleute
  • Hotelfachleute
  • Hotelkaufleute
  • Koch/Köchin

Außerdem sind auch Validierungen in ausgewählten Handwerks- und Landwirtschaftsberufen möglich.

Das Netzwerk

Ausgehend von einem EU-Ratsbeschluss, Regelungen zur Validierung beruflicher Kompetenzen in den Mitgliedsstaaten einzuführen, arbeiten die Projektpartner daran, ein großes Netzwerk von zuständigen Kammern zu etablieren, um bundeseinheitliche und standardisierte Verfahren anzubieten. Eine bundesweit verbindliche Verankerung für berufliche Validierungsverfahren würde eine gute Perspektive schaffen und Unternehmen bei der Gewinnung von Fachkräften helfen. www.validierungsverfahren.de

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