„Eine Perspektive und ein Stück Normalität bieten“

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Über das Karriereportal „JobAidUkraine“ fanden sie zusammen: Andreas Mayer, Geschäftsführer des Kölner Redaktionsbüros Wipperfürth, und Olena Kolesnyk. „Wir haben schnell gespürt, dass Olena die Richtige ist“, sagt Mayer © Andreas Wiese
Viele geflüchtete Ukrainer wollen in Deutschland schnell eine Beschäftigung finden. Unternehmen bieten Arbeit, um zu helfen – aber auch, um offene Stellen zu besetzen. Welche Chancen und Hürden damit verbunden sind, zeigt ein Beispiel aus Köln.
Sylvia Rollmann
Sylvia Rollmann
Freie Journalistin

Olena Kolesnyk hatte ein eigenes Haus, einen guten Job und eine glückliche Familie, bevor in der Ukraine der Krieg ausbrach. „Wir führten ein ganz normales Leben“, sagt die 35-Jährige. Doch als ihre Heimatstadt Cherson am Schwarzen Meer von russischen Truppen besetzt wird, ändert sich alles. „Ich musste meinen Ehemann, meinen Vater und all unser Hab und Gut zurücklassen, um unseren Sohn in Sicherheit zu bringen“, erzählt sie.

Nur wenige Tage nach Kriegsbeginn flieht Olena Kolesnyk und kommt mit ihrem fünfjährigen Sohn bei Verwandten in Köln unter. Kurze Zeit später gelingt auch ihrer Mutter und Schwiegermutter die Flucht. Zu viert teilen sie sich nun ein kleines Apartment. „Es ist nicht leicht. Wir stehen mit leeren Händen da und sprechen die Sprache nicht“, sagt Kolesnyk. Hinzu kommt die Sorge um die, die noch im Kriegsgebiet sind. „Sollten die Russen weiter nach Westen vordringen, müssen unsere Männer vielleicht kämpfen.“ Doch es gibt Hoffnung : Die gelernte Grafikerin, die zuletzt in einer Werbeagentur beschäftigt war, hat Arbeit gefunden.

„JobAidUkraine“ hat vermittelt

Über das Karriereportal „JobAidUkraine“ fand sie das Inserat des Kölner Redaktionsbüros Wipperfürth. Geschäftsführer Andreas Mayer suchte zusätzliche Grafiker für sein 40-köpfiges Team, das redaktionelle Inhalte für Print-Magazine und digitale Angebote produziert. „Wir haben schnell gespürt, dass Olena die Richtige ist. Sie leistet sehr gute Arbeit, sorgt für neue Impulse und Arbeitsansätze“, sagt Mayer, der die Ukrainerin Mitte April – nach einer Probewoche – unbefristet einstellte. Fehlende Sprachkenntnisse ? Kein Hindernis, versichert der Geschäftsführer. Alle seien bereit, mal auf Deutsch, mal auf Englisch zu kommunizieren. „Wir ziehen den Hut vor ihrem Mut und Engagement. Olena ist ein Gewinn.“

Doch es gab auch Hürden. „Im März war es sehr schwierig, verlässliche Informationen zu bekommen“, berichtet Mayer. „Fast täglich gab es neue politische Entscheidungen. Wir mussten uns mit Juristen, Steuerberatern und Fachstellen beraten, bevor wir Olena einstellen konnten. Das hat alle Beteiligten viel Zeit und Energie gekostet.“ Doch aller Bürokratie zum Trotz beschäftigt das Redaktionsbüro noch eine weitere Ukrainerin, die nach Krakau geflüchtet ist – auf freier Basis. „Wir können diesen Menschen eine Perspektive und ein Stück Normalität bieten. Es ist unsere Pflicht und ein gutes Gefühl, zu helfen.“ Arbeit, Geldspenden, Hilfsgüter, Wohnraum – „viele Unternehmen wollen das Leid der Ukraine-Flüchtlinge lindern und soziale Verantwortung übernehmen“, sagt Katharina Reiche, Projektreferentin beim Netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“. Mit Ausbildung und Beschäftigung leisteten Arbeitgeber einen wichtigen Beitrag zur Integration und perspektivisch auch zur Sicherung von Fachkräften, die händeringend gesucht würden.

Für Unternehmen gibt es Hilfen

Doch die Expertin weiß : „Arbeitsmarktintegration ist kein Sprint, sondern ein Marathon, selbst dann, wenn die Geflüchteten – wie im Fall vieler Ukrainer – hoch motiviert und qualifiziert sind.“ Diesen Weg müssten Unternehmer aber nicht alleine gehen. „In allen Regionen gibt es Beratungsangebote – zum Beispiel bei den Kammern, den Agenturen für Arbeit oder über unser Netzwerk“, erklärt die Projektreferentin und ergänzt : „Die Mühe zahlt sich aus. Kulturell vielfältige Teams sind kreativer, innovativer und engagierter. Ein Mehrwert, von dem Unternehmen und Gesellschaft profitieren können.“

Olena Kolesnyk ist dankbar für die Chance, die sich ihr mit der Festanstellung bietet. An drei Tagen in der Woche arbeitet sie im Redaktionsbüro, an zwei Tagen nimmt sie Deutschunterricht. Denn sie will bleiben : „Unsere Heimat Cherson ist von den Russen besetzt, dorthin können wir nicht zurück.“

„Olena leistet sehr gute Arbeit, sorgt für

neue Impulse und Arbeitsansätze. „

Andreas Mayer, Unternehmer

Tipps und Wissenswertes für Betriebe, die Geflüchtete aus der Ukraine einstellen möchten  :

1. Vorübergehender Schutz : Arbeitsmarktzugang unkompliziert möglich:

Ukrainische Flüchtlinge erhalten in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre mit der Möglichkeit auf Verlängerung um ein weiteres Jahr. Für den Zeitraum des vorübergehenden Schutzes kann jede Erwerbstätigkeit ausgeübt werden, auch in Teilzeit oder auf 450-Euro-Basis (Minijob). Bereits die sogenannte Fiktionsbescheinigung der Ausländerbehörde berechtigt zur Aufnahme einer Beschäftigung.

2. Den passenden Bewerber finden

Die Bundesagentur für Arbeit bietet über den Arbeitgeberservice eine Kontaktstelle für Unternehmen. Daneben bieten auch die Willkommenslotsen in den Kammern und weiteren Organisationen der Wirtschaft einen guten Anlaufpunkt, um Bewerber aus dem Kreis der Geflüchteten kennenzulernen. Speziell für aus der Ukraine Geflüchtete wurden Karriere-Plattformen wie UAtalents (www.uatalents.com) und JobAidUkraine (www.jobaidukraine.com) geschaffen.

3. Erst-Check der Kammern zu den beruflichen Qualifikationen

Die IHKs sowie die Handwerkskammern bieten im Rahmen ihrer Anerkennungsberatung Geflüchteten aus der Ukraine den Service eines Erstberatungs-Checks an. Im Rahmen einer Kurzberatung wird bestimmt, welche Berufsabschlüsse, einschlägige Berufserfahrungen und welche Sprachkompetenzen vorhanden sind. Das Beratungsergebnis wird im „Check der ausländischen Berufsqualifikationen – Ergebnis der Erstberatung“ auf Deutsch festgehalten. Arbeitgebern wird damit eine Hilfestellung im Einstellungsprozess an die Hand gegeben.

4. Kranken- und Sozialversicherung

Bei sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ist eine sofortige Krankenversicherung möglich und notwendig. Bei Beschäftigungen auf 450-Euro-Basis (Minijobs) entfällt die Beitragspflicht für Arbeitgeber. Bei der Sozialversicherung gelten die gleichen Regeln wie bei deutschen Beschäftigten. Mit dem Beginn einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung sind Geflüchtete automatisch sozialversichert, das heißt, sie sind Mitglied in der Arbeitslosen-, Renten-, Unfall- und Pflegeversicherung. Hat die Person noch keine Sozialversicherungsnummer, wird diese von der Krankenkasse bei der Rentenversicherung beantragt.

5. Den Spracherwerb fördern

An bereits fest beschäftigte Person mit Deutschkenntnissen auf B1-Niveau richten sich die Berufssprachkurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Sprachkurse gibt es auch beim Deutschen Volkshochschul-Verband.

6. Beim Ankommen in Deutschland unterstützen

Ob Behördengänge, Schulanmeldung oder Wohnungssuche – Arbeitgeber können bei vielen organisatorischen Angelegenheiten unterstützen, um das Ankommen in Deutschland zu erleichtern. Gerade bei Sprachproblemen, hilft eine Begleitung zu Terminen, um die Gesprächsführung zu unterstützen und Missverständnisse zu vermeiden. Auch eine Einbindung in Freizeitaktivitäten und Sportvereine unterstützt das Ankommen in Deutschland.

Quelle : Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge

www.unternehmen-integrieren-fluechtlinge.de

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