Viel mehr als nur die Summe seiner Teile

Viel mehr als nur die Summer seiner Teile
Marcel Michael hatte bereits seinen Mediengestalter in der Tasche, doch als sein Chef Industrieelektriker brauchte, musste dieser ihn nicht lange überreden... © Ralph Schipke
Um einem großen Irrtum vorzubeugen : Teilqualifizierung (TQ) meint nicht eine „teilweise“ oder „halbe“ Qualifizierung. Sondern ist vielmehr eine Form beruflicher und berufs­begleitender Weiterbildung in wohlgesetzten Schritten, die als „Bausteine“ bezeichnet werden könnten. Genauer würde es vielleicht „schrittweise Qualifizierung“ heißen, die – wie beim Greifswalder Marcel Michael – zu einem (weiteren) Berufsabschluss führen kann.
Ralph Schipke
Ralph Schipke
Journalist aus Neubrandenburg

Für eine so gute Sache wünscht sich Antje Baier ein besseres Image. „Wir wollen raus aus einer Nische, in welche die Teilqualifizierung in ihrer Anfangsphase oft gesteckt wurde, denn dieses Instrument kann ein Weg zur Fachkraft sein“, erklärt die Projektleiterin von „Chancen Nutzen – Mit Teilqualifizierungen Richtung Berufsabschluss“. Damit ließen sich in Unternehmen notwendige Nachqualifizierungen durchführen. Als ein Beispiel führt sie die Continental AG an, die in zwei Jahren bis 2020 insgesamt 900 Teilnehmer für Teilqualifikationen gewinnen konnte. Klar, durch Corona habe es landauf, landab Schwierigkeiten gegeben. Qualifizierungen mussten ausfallen. „Kompetenzfeststellungen“ – so heißen die Teststrukturen der einzelnen Bausteine – wurden abgesagt oder verschoben. Aber dennoch sei dieses innovative, flexible und bundesweite Qualifizierungsprojekt der IHK-Organisation eine Erfolgsgeschichte.

„Die Mitarbeiter haben diese Chance als wertschätzend empfunden.“

Sybille Franzke, Personalleiterin. ml&s GmbH & Co. KG

„Das Potenzial schnell erkannt“

Sebastian Bensemann begleitet die TQ für das östliche Mecklenburg-Vorpommern. Diese startete im Jahr 2013. „Unsere IHK erkannte sehr schnell das Potenzial für das Gastgewerbe oder Betriebe der Tourismusbranche“, erzählt der Koordinator Aus- und Weiterbildung bei der IHK Neubrandenburg, die von Beginn an auf eine enge Kooperation mit den Unternehmen, Bildungsdienstleistern und Arbeitsagenturen vor Ort gesetzt habe. Bereits nach einem Jahr kamen auch Berufe wie Konstruktionsmechaniker/ -innen, etwas später Hoch- und Tiefbaufacharbeiter/ -innen und Fachkräfte für Schutz und Sicherheit hinzu. Die Bilanz nach rund 140 Kompetenzfeststellungen im Jahr : Fast alle (94,6 Prozent) derjenigen, die an diesen Maßnahmen teilgenommen hatten, sind heute in einem Arbeitsverhältnis.

Inzwischen ist das Instrument der Teilqualifizierung längst ein erfolgreiches, gut erprobtes Mittel, um dem allerorts und branchenübergreifend herrschenden Fachkräftemangel zu begegnen. Das zeigt auch das Beispiel des Greifswalder Elektronik-Dienstleisters ml&s.

Auch Ältere auf der Schulbank

Am liebsten wollte ml&s-Geschäftsführer Udo Possin seinen schnell wachsenden Arbeitskräftebedarf mit Facharbeitern aus den eigenen Reihen decken. Und musste unter anderem Marcel Michael nicht lange überreden. Der nunmehrige Industrieelektriker, eigentlich bereits mit einem Abschluss als Mediengestalter gewappnet, war vor vier Jahren sofort Feuer und Flamme für das Qualifizierungsangebot. „Heute fühle ich mich viel sicherer bei dem, was ich tue.“

Michael hatte sich zusammen mit 21 weiteren Kollegen freiwillig für die im Jahr 2017 bei ml&s gestartete Weiterbildung gemeldet. „Die Mitarbeiter haben diese Chance als wertschätzend empfunden“, sagt ml&s-Personalleiterin Sybille Franzke. Bis jetzt hat das Greifswalder Unternehmen aus den eigenen Reihen elf Industrieelektriker gewonnen, die nun höherwertige Tätigkeiten ausführen. Immerhin mussten sich dazu auch ältere und gestandene Kollegen noch mal auf die Schulbank setzen (die Alterspanne lag überwiegend zwischen 30 und 40 Jahren). Und das neben der eigentlichen Arbeit und der Familie.

„Die Kompetenzfeststellungen haben sich angefühlt wie große Klassenarbeiten“, erinnert sich Marcel Michael. „Nun bin ich kein ,Ungelernter’ mehr, sondern kann als gelernter Elektriker in meinem Fach weiterarbeiten.“

Fachleute wie er sind vielerorts gefragte Leute.


Was sind Teilqualifikationen?

Teilqualifikationen (TQs) sind eine Möglichkeit, schrittweise berufliche Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben und am Ende einen Berufsabschluss nachzuholen. Sie sind aus anerkannten Ausbildungsberufen abgeleitet. Nach einzelnen TQs erfolgt eine „Lernstandskontrolle“ in Form einer „Kompetenzfeststellung“. Diese werden auch von den IHKs angeboten, bei Erfolg gibt es ein IHK-Zertifikat. Am Ende der TQ-Maßnahmen kann an der IHK-Abschlussprüfung teilgenommen und der Berufsabschluss erworben werden. Insgesamt bieten 72 Kammern die Durchführung von Kompetenzfeststellungen nach einer Teilqualifikation an.

Wer profitiert?

A) Erwachsene über 25 Jahre…

  • ohne Berufsabschluss oder mit veraltetem Beruf
  • Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen
  • an- und ungelernte Beschäftigte

B) Unternehmen…

  • in digitalen Transformationsprozessen und veränderten Qualifikationsanforderungen an Mitarbeiter
  • mit Fachkräftemangel in den ausgewählten Berufen
  • mit einem Bewerbermangel für Ausbildungsplätze

Für welche Berufe gibt es das Angebot?

  • Für technische Berufe, z. B. Maschinen- und Anlagenführer/-in oder Industriemechaniker/-in, Mechatroniker/-in
  • kaufmännische Berufe, z. B. Verkäufer/-in, Kfm./-frau Büromanagement
  • verschiedene Dienstleistungsbereiche, z. B. Lager, Gastgewerbe oder Schutz und Sicherheit.

Seit Oktober 2017 unterstützt das bei der DIHK Service GmbH angesiedelte Projekt die IHKs bei der Umsetzung eines bundeseinheitlichen Teilqualifikationsangebots. Das vom Bundesbildungsministerium (BMBF) finanzierte Projekt koordiniert und unterstützt die bundesweiten Aktivitäten.

Ansprechpartnerin

Antje Baier
Projektleiterin
Telefon +49 30 20308 6341
Baier.Antje@dihk.de
https://teilqualifikation.dihk.de

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