Neue Ausbildungsinhalte – bald verpflichtend für alle Berufe?

Torben_Padur_Diplom_Berufspaedagoge
Torben Padur leitet den Bereich gewerblich-technische Berufe am Bundesinstitut für Berufsbildung. Der 39-jährige Diplom-Berufspädagoge ist seit 2008 für das Institut tätig; zuvor arbeitete er in der Automobilindustrie. © BIBB
Ein langes Wort mit großer Bedeutung: In den sogenannten „Standardberufsbildpositionen“ steht, was angehenden Fachkräften zu bestimmten Themenfeldern zu vermitteln ist. Auch in Folge der Corona-Krise gibt es bei diesen Inhalten prüfungsrelevante Änderungen. POSITION hat mit Torben Padur vom Bundesinstitut für Berufsbildung gesprochen. Er war maßgeblich an der Überarbeitung beteiligt.
Sebastian Haak
Sebastian Haak
© Michael Reichel

Herr Padur, was ist das Besondere an den „Standardberufsbildpositionen“?

Das sind Ausbildungsinhalte, die für alle Ausbildungsberufe gelten, vom Friseur bis zum Kfz-Mechatroniker. Es geht dabei also um ganz grundsätzliche Dinge, die Menschen während ihrer Ausbildung lernen. Die vier Standardberufsbildpositionen Recht, Sicherheit, Nachhaltigkeit und Digitalisierung haben wir zum 1. August 2021 aktualisiert.

Warum diese Überarbeitung ausgerechnet jetzt?

In den Ausbildungsordnungen hatten wir schon immer Standards, damit Mindestanforderungen an Facharbeiter in der Arbeitswelt klar benannt sind. Und die Arbeitswelt ist eben im steten Wandel, deshalb muss man auch diese Standards immer wieder anpassen. Vor allem im Bereich Digitalisierung und Nachhaltigkeit ist aber zuletzt auch infolge der Corona-Krise so viel passiert, dass wir uns gemeinsam mit den Sozialpartnern, also mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern, mit dem Bund und mit den Ländern entschlossen haben, jetzt eine weitere Überarbeitung vorzunehmen.

Was ändert sich denn zum Beispiel bei der Digitalisierung?

Nahezu jeder Beruf ist inzwischen von der Digitalisierung betroffen. Das geht der Automobilindustrie ebenso wie den kaufmännischen Branchen. Man bewegt sich heute viel in virtuellen Räumen, denken Sie nur an Videokonferenzen oder Netzwerkumgebungen. Da ist es wichtig, dass die Fachkräfte von morgen wissen, welche Datenschutzbestimmungen in solchen Umgebungen gelten, wie es mit der IT-Sicherheit ist, welche Regeln es bei der Kommunikation über E-Mails gibt.

Und bei der Nachhaltigkeit?

Erst mal geht es da um mehr als um Umweltschutz. Dass wir ressourcenschonend mit unserer Welt umgehen müssen, ist schon lange Teil unserer Standardberufsbildpositionen. Was jetzt neu dazugekommen ist, sind vor allem soziale Themen: Unsere angehenden Fachkräfte müssen lernen, dass sie in einer interkulturellen und vielfältigen Welt arbeiten werden, dass faire Lieferketten wichtig sind. Und, auch neu: Die Bedeutung des Gesundheitsschutzes für Beschäftigte wird noch mal ganz besonders unterstrichen. Nicht zuletzt durch die Pandemie haben psychische Belastungen in der Arbeitswelt zugenommen.

Klingt alles ein bisschen so, als würden sie nun in einer guten deutschen Ordnung festschreiben, was in vielen Unternehmen längst Alltag ist…

Ich würde sagen: Jein. Wir wissen, dass es viele Unternehmen gibt, in denen zum Beispiel der richtige Umgang mit E-Mails oder Videokonferenzen schon seit Jahren an Auszubildende vermittelt wird. Wir wissen aber auch, dass das in vielen anderen Unternehmen bislang nicht passiert. Also schreiben wir das nun vor, damit wir sicher sein können, dass jeder Facharbeiter die gleichen Mindeststandards erfüllt.

Was für die Berufsschulen auch bedeutet, dass sie ihre Lehrpläne anpassen müssen, richtig?

Genau. Aber die Länder sind bei den jüngsten Anpassungen ja beteiligt gewesen, sodass das nun Schritt für Schritt erfolgen wird.

Ab wann wird das neu zu vermittelnde Wissen in den Prüfungen abgefragt werden?

Die neuen Standardberufsbildpositionen sind seit dem 1. August 2021 in sieben neuen Berufsbildern verpflichtend anzuwenden: Maler und Lackierer, Brauer und Mälzer sowie für handwerkliche Elektroberufe wie etwa den Informationselektroniker. Überall dort wird ab 2024 das entsprechende Wissen das erste Mal in Prüfungen nachgewiesen werden müssen. In allen anderen, schon bestehenden Berufsbildern wird die Anwendung der neuen Standardberufsbildpositionen empfohlen, aber es wird noch dauern, bis die Anwendung verpflichtend und damit prüfungsrelevant wird. Das wird erst dann der Fall sein, wenn die entsprechenden Ausbildungsordnungen für diese Berufe modernisiert werden. Das kann je nach Beruf bald erfolgen oder noch dauern.

Es fragte: Sebastian Haak

Literaturtipp: „Vier sind die Zukunft“ –
Broschüre zu den “Standardberufsbildpositionen”

„Digitalisierte Arbeitswelt“, „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“, „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ sowie „Organisation des Ausbildungsbetriebes, Berufsbildung, Arbeits- und Tarifrecht“ sind Qualifizierungsstandards in allen anerkannten Ausbildungsberufen des dualen Systems. Mit ihnen fördern Betriebe entscheidend Kompetenzen, die in der heutigen Arbeitswelt benötigt werden.

Die Publikation der Reihe „Ausbildung gestalten“ gibt Hintergrundinformationen und Erläuterungen zu den sogenannten Standardberufsbildpositionen, die 2021 umfassend modernisiert wurden. Praktische Tipps und Hinweise zeigen, wie sie in den Ausbildungsalltag integriert und den Auszubildenden vermittelt werden können.

Das Werk steht zum kostenlosen Download im Internet bereit und kann dort auch als Printausgabe gegen ein Entgelt bestellt werden. „Ausbildung gestalten“ ist ein kostenloses Informationsangebot des Bundesinstituts für Berufsbildung. Das vollständige Angebot der Reihe umfasst Titel zu über 100 Ausbildungsberufen. Mehr darüber unter

www.bibb.de/ausbildunggestalten


Infos im Netz und bei der IHK

Weitere Informationen zu den neuen Standardberufsbildpositionen gibt es…

… beim Bundesinstitut für Berufsbildung unter

www.bibb.de

und bei den Industrie- und Handelskammern.

www.ihk.de

Unter anderem zur Digitalisierung in der Ausbildung…

… können sich Ausbilder mit anderen Ausbildern zum Beispiel auf der Webseite
www.foraus.de austauschen, einem Forum für Ausbilder.

Es lohnt sich, sich mit den neuen Inhalten zu beschäftigen, weil…

… sie wahrscheinlich mindestens zehn Jahre gültig sein werden.

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