Höhere Reife als Vorteil

Höhere Reife als Vorteil
Von seinem Spurwechsler Mathias Hechtbauer (links) ist NORMA-Aus­bildungschef Lars Sikkes überzeugt © Julia Knorr
Gelegentlich beginnen Abiturienten ein Studium entgegen ihrem Bauchgefühl. Wenn es sich später tatsächlich als falsche Richtung herausstellt, erscheint die Kurskorrektur schwierig, ist schambehaftet und mit einem Gefühl des Scheiterns verbunden. Dabei sind diese Ängste oft unnötig, denn die höhere Lebenserfahrung kann auch ein Vorteil sein. Für beide Seiten.
Alexandra Buba
Alexandra Buba
Freie Journalistin

Wenn du der Erste in deiner Familie bist, der Abitur macht, dann erwarten deine Eltern, dass du studierst“, sagt Mathias Hechtbauer. Der 25-Jährige ist im Landkreis Regensburg aufgewachsen und hat ein Privatgymnasium besucht. Hechtbauer sollte „nun auch Etwas aus sich machen“, so der naheliegende Gedanke seiner Familie. Dass dieses „Etwas“ auch ohne Studium funktionieren kann, zeigte sich gewiss erst im Laufe der letzten Jahre.

„Fünf Semester Lebenszeit verschwendet, und dann doch wieder nicht das ‚Etwas‘ bieten können“ – so sah es Ende 2019 für den jungen Mann erst einmal aus. Es ist ein unerfreuliches Gefühl, mit dem der ehemalige Studierende die Universität nach einer weiteren nicht bestandenen Prüfung einsichtig verlässt, gemischt mit dem Gefühl der Erleichterung.

Gezielte Ansprache

Hechtbauer überlegt, und es fällt ihm ein, dass er sich im Lebensmittelmarkt der Großmutter als Aushilfskraft von Kindheit an sehr wohl gefühlt hat. Etwas mit Handel vielleicht?

Dieser Gedanke ist definitiv der Richtige, um weiterhin verfolgt zu werden. Er recherchiert und findet das Abiturientenprogramm der NORMA Lebensmittelfilialbetrieb Stiftung & Co. KG. „Damit wollen wir gezielt junge Menschen ansprechen, die mit der theoretischen Ausrichtung eines Studiums wenig anfangen können, aber dennoch das Talent zur Führungskraft haben“, erklärt Lars Sikkes, Bereichsleiter für Aus- und Weiterbildung bei NORMA.

Innerhalb von drei Jahren erwerben die Teilnehmenden drei Abschlüsse – Kaufmann im Einzelhandel, Ausbildung der Ausbilder und Handelsfachwirt. Voraussetzung ist Abitur oder Fachabitur. Das überzeugte auch die Eltern Hechtbauer. Ihrem Sohn eröffnet das Programm die Möglichkeit, als Handelsfachwirt unmittelbar als Filialleitung oder im mittleren Management einzusteigen, denn er hat die Prozesse in einem Einzelhandelsgeschäft von der Pike auf gelernt.

Für Führungsrollen gut gewappnet

Ausbildungsleiter Sikkes erklärt: „Mit dem Abiturientenprogramm wollen wir in der Regel direkt die Schulabgänger der Gymnasien und Oberschulen ansprechen. Es hat immer einen leichten Beigeschmack, wenn sich jemand bewirbt, der seine sich selbst gesteckten Ziele nicht erreicht. Von daher sind wir skeptisch bei der Aufnahme von Studienabbrechern in unser Abiturientenprogramm. Im Fall von Herrn Hechtbauer haben wir uns allerdings durch seine Persönlichkeit überzeugen lassen und haben uns dazu entschlossen, diesen Weg zu probieren. Im Nachgang kann man durchaus sagen, dass die höhere Lebenserfahrung im Rahmen der Ausbildung für ihn von Vorteil ist. Dabei betrachten wir es rückblickend keinesfalls als Blamage, dass Herr Hechtbauer schon ein Studium abgebrochen hat.“ Er werde in Zukunft ähnliche Bewerbungen nicht kategorisch absagen.

Gerade durch die Erkenntnis, dass Studieren nicht jedermanns Sache ist, seien Motivation und Durchhaltevermögen ungleich höher. Auch die bisherige Lebenserfahrung und der Kontakt zu ehemaligen Kommilitonen seien nur Vorteile in der späteren Führungsrolle. Mathias Hechtbauer hätte sich mit seinem heutigen Wissen die universitären Umwege lieber erspart – doch die ausgezeichneten Karrieremöglichkeiten ohne Studium habe er damals einfach nicht gekannt.

Studium und Ausbildung sind keine getrennten Welten mehr

Damit ist er deutschlandweit nicht allein: Nach wie vor gilt das Studium beinahe als alleiniger Garant für Zukunfts- und Karrierechancen. Diesen Trugschluss in der Gesellschaft zu korrigieren, ist Teil von Hechtbauers Mission im Zuge der IHK-Ausbildungs- und Karriere­scout-Initiative. Dabei besucht der angehende Handelsfachwirt Schulklassen an Gymnasien und Fachoberschulen und wirbt auf Ausbildungsmessen für einen offeneren Umgang mit dem Thema „Alternative(n) zum Studium“.

Dieser Auftrag ist notwendig, denn „es ist ja keineswegs so, dass nach unserem Abiturientenprogramm mit einer Weiterbildung Schluss ist. Denn über unser duales Studium bieten wir auch den Weg wieder zurück an eine Hochschule an“, erläutert Sikkes. Akademische und nicht-akademische Bildung seien eben gerade keine getrennten Welten mehr, sondern Bewegung sei in beide Richtungen allzeit möglich. Das wüssten gewiss an der Uni noch die wenigsten, meint Hechtbauer. Dort herrsche nach wie vor das Gefühl vor, das Studium um jeden Preis durchziehen zu müssen, sofern man Karriere machen wolle. Schade eigentlich.

Vom Studienabbruch profitieren?

Mögliche Vorteile für Unternehmen, die „Spurwechsler“(1) für eine Ausbildung gewinnen:

  • Vorkenntnisse – vor allem auch dann, wenn sie ein verwandtes Studienfach belegt hatten
  • persönliche Reife und auch die
  • Leistungsbereitschaft der jungen Menschen, die ihre zweite berufliche Chance erfolgreich am Schopf packen wollen.

Etliche Regionen und Hochschulen haben inzwischen eigene Angebote für Studienzweifelnde eingerichtet, insbesondere mit dem Ziel, Brücken zu den Unternehmen vor Ort zu bauen. Das sind etwa nextcareer.de in NRW oder www.queraufstieg.de für die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Interessierte Unternehmen können sich bei den umgebenden Hochschulen häufig nicht nur in Verzeichnissen als Ausbildungsanbieter listen lassen, sondern sich darüber hinaus auch bei speziellen Veranstaltungen für diese Zielgruppe engagieren.

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