„Beim Distanzunterricht müssen wir besser werden“

Joachim Maiß, Bundesvorsitzender des Verbandes der Berufsschullehrkräfte
Joachim Maiß ist Bundesvorsitzender des Verbandes der Berufsschullehrkräfte (BvLB) © Tim Schaarschmidt
Die Digitalisierung in den Berufsschulen kann viel besser laufen, wenn Unternehmen und Lehrer enger zusammenarbeiten. Davon ist Joachim Maiß, Bundesvorsitzender des Verbandes der Berufsschullehrkräfte, überzeugt. Berufsschule auf Distanz werde es auch nach der Pandemie geben.
Sebastian Haak
Sebastian Haak
Freier Journalist

Herr Maiß, in den vergangenen zwei Jahren musste Berufsschule auch online funktionieren. Gibt es überhaupt ein Zurück in die Vor-Corona-Zeit?

Ich hoffe sehr, dass wir nicht völlig zurückkehren in die alte Zeit. Denn Corona hat uns doch bei der Digitalität gerade in den Berufsschulen einen enormen Schub gegeben.

Trotzdem gilt Präsenzunterricht weiterhin als der beste Unterricht überhaupt.

Das stimmt, aber das ist ein Missverständnis. Wir hatten am Anfang der Pandemie überhaupt nicht die technische Ausstattung, um Online-Unterricht auf dem Niveau zu machen, auf dem wir es jetzt können. Außerdem sind damals viele Lehrkräfte einfach ins kalte Wasser gesprungen. Die haben aber inzwischen fantastisch Schwimmen gelernt. Das, was wir uns da lehrer-, aber auch schülerseitig an digitaler Kompetenz erarbeitet haben, das darf nicht wieder verloren gehen. Das wäre eine Katastrophe. Ich bin mir sicher, dass es deshalb auch in Zukunft einen Teil des Berufsschulunterrichts als Distanzunterricht geben wird.

Das wird viele Unternehmen kaum jubeln lassen. Die Kritik am Distanzunterricht ist unter Arbeitgebern doch ziemlich groß.

Unbestreitbar ist es so, dass wir sehr, sehr guten Distanzunterricht noch nicht können. Das lernen die Lehrkräfte derzeit auch an den Universitäten noch nicht, dazu gibt es praktisch keine Forschung, auch keine guten Weiterbildungen. Da müssen wir noch besser werden, keine Frage. Aber noch mal: Wir haben da einen so guten Start hingelegt, das darf nicht verloren gehen. Das Problem ist, dass wir dieses Flugzeug bauen müssen, während es fliegt.

„Wir haben da einen so guten Start hingelegt, das darf nicht verloren gehen.“

Joachim Maiß

Und was ist mit den Klagen von Unternehmen, dass es in vielen Berufsschulen etwa an Tablets und der notwendigen Bandbreite fehlt?

Der Digitalpakt hat die nötigen Mittel bereitgestellt. Das Problem ist aber, dass in vielen Schulen digitale Endgeräte unausgepackt im Keller liegen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass an vielen Schulen die technische Kompetenz von Systemadministratoren fehlt, um diese Geräte auch in die vorhandene IT-Struktur einbinden zu können. Eine Berufsbildendende Schule mit 2.500 Schülern hat Glück, wenn sie einen Systemadministrator hat.

Können Unternehmen Schulen bei diesem Problem unterstützen?

Ja, klar. Schauen Sie auf die Lernfabriken in Baden-Württemberg. Da gibt es eine ganz enge Kooperation zwischen dem Ministerium, den Unternehmen, den Schulen, den Kammern…

… aber was macht denn so eine Kooperation aus? Außer, dass man sich gegenseitig sagt, wie sehr man sich wertschätzt.

Sie werden lachen, aber das ist schon mal die Grundvoraussetzung, an der es noch viel zu häufig fehlt: Sie müssen sich erst mal gemeinsam an einen Tisch setzen und Dinge wirklich gemeinsam machen wollen. Denn wenn wir ehrlich sind, gibt es – außer bei den Superausnahmebeispielen, die immer gerne hervorgezerrt werden – doch kaum Kontakte zwischen Schulen und Unternehmen. Mal beim Ausbildersprechtag, mal im Rahmen der IHK-Abschlussprüfungen. Aber viel mehr Kontakte gibt es doch in der Regel gar nicht. Das hat nichts mit Schuldzuweisungen zu tun. Die Schulen haben daran ebenso ihren Anteil wie die Unternehmen, das hat vor allem mit fehlender Zeit auf beiden Seiten zu tun. Aber wir müssen wieder mehr erkennen, dass wir duale Ausbildung von jungen Menschen machen, gemeinsam, als zwei Partner.

Und wenn das so ist, klappt das auch mit der Digitalisierung besser?

Dann klappt es gerade mit der Digitalisierung besser. Nehmen Sie das Beispiel mit den Administratoren: Wenn ein Unternehmen weiß, dass in einer Berufsschule Administratoren fehlen, dann können doch die Administratoren eines mittelständischen Unternehmens die Schulen beim Einbinden der neuen Geräte unterstützen. Es gibt Beispiele, bei denen es genau so funktioniert hat. Doch passiert so was eben noch immer viel zu selten.


Zur Person

Joachim Maiß, Bundesvorsitzender des Verbandes der Berufsschullehrkräfte, leitete 20 Jahre die Multi Media Berufsbildende Schulen der Region Hannover (2350 Schüler, 75 Mitarbeiter), die er einst mitgegründet hatte. Als erste Berufsschule in Deutschland war die BBS im Mai 2016 als IT-Bundesleistungszentrum von WorldSkills Germany zertifiziert worden.

Auch wenn Maiß seit Mitte vergangenen Jahres bereits offiziell im Ruhestand ist, ist er weiterhin als Bundesvorsitzender seines Verbandes tätig.

www.bvlb.de

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